Von Luise Rinser

Nach München ist es eine halbe Tagesreise von uns. Die Züge sind schmutzig, brechend voll, kaputt; die Anschlüsse klappen nicht; ich werde hungern und mir die dünnen Sohlen von den Schuhen laufen – ich weiß das alles, und trotzdem beginne ich auch diese Reise mit jener leidenschaftlichen Spannung, mit der sich der Jäger im Morgengrauen auf die Jagd begibt.

Die Reise steht unter einem guten Zeichen: unter der Post, die ich frühmorgens auf dem Weg zum Bahnhof abhole, ist ein Brief von Hermann Hesse. Der erste Brief aus dem Ausland. Atem der Welt und der Freiheit streicht herein. Eine Hand streckt sich uns entgegen. Ich vergesse, daß noch nicht einmal wirklich Frieden ist. Ich bin glücklich über dieses kleine Zeichen einer großen Möglichkeit. Überall in der Welt gibt es Menschen, deren Blick weitergeht als bis zu der dunklen Wand der Konflikte; Menschen, die an die Vernunft glauben, an Frieden und Menschlichkeit. Wir sind die Minderheit. Immer werden wir gegen die Masse stehen, gleich welcher Nation wir angehören. Immer werden Dummheit, Bösartigkeit, Trägheit und Skepsis wider uns sein. Aber nichts wird uns davon überzeugen, daß wir auf die falsche Karte setzten, als wir den Geist wählten statt der Macht, die Liebe statt des Kampfes, Freiheit statt des Reichtums. Ein enthusiastischer Leichtsinn ergreift mich. Schon sehe ich Menschen aller Nationen, vom gleichen guten Willen getrieben, am Werk, dem Geist zum Weltsieg zu verhelfen, dem Geist, den der junge Thomas Mann bezeichnet als die Kraft, die Reinheit und Frieden will. Schon sehe ich die Welt offen und die Grenzen gefallen, obwohl ich noch nicht einmal nach Berlin oder Breslau fahren kann. Aber ist es wirklich Leichtsinn, heute an die Zukunft zu glauben? Ist es nicht vielmehr ein Zeichen hoher Vitalität? Ist es nicht ein Vorrecht der Vorausschauenden, der Phantasiebegabten, der mit dem feinsten Spürsinn Begabten, nicht Untergang zu wittern, sondern Leben, Zukunft, Wachstum, Erneuerung? Ich versteige mich zu dem Aphorismus: An den Weltfrieden zu glauben ist heute ein Zeichen von Genialität!

In München traf ich mich mit unserem Freund F., der 1938 nach Amerika emigrierte und jetzt als amerikanischer Staatsbürger wieder nach Deutschland kam, immer noch dieses Land liebend, das ihn als Juden verfemt und ins Konzentrationslager geworfen hatte. Er erzählte, daß der Beamte, der ihm die Urkunde der amerikanischen Staatsbürgerschaft überreichte, statt einer feierlichen Rede nur drei Sätze sagte. Aber welche Sätze! "Sie haben jetzt alle Rechte und alle Pflichten des amerikanischen Staatsbürgers. Die erste Pflicht und das erste Recht eines Bürgers der USA ist es, zu kritisieren.

Es ist nicht alles Gold, was amerikanisch ist: Aber was für eine herrlich nüchterne Sprache ist das und was für eine Sicherheit und Selbstverständlichkeit der Freiheitstradition spricht daraus.

Da, wo einst der Münchner Glaspalast gestanden hatte und später die schönen Anlagen des alten Botanischen Gartens waren mit gepflegten Rasenflächen, Brunnen, Plastiken, Blumen und Tempelchen, sind jetzt Schutthaufen, Steine vom zerbombten, ausgebrannten Justizpalast, Bombentrichter, Trümmer, Reste von Grundmauern, verkohlte Bäume. Im Innern eines zerstörten Tempelchens liegt ein Bronzepferd, vom Sockel gestürzt, auf dem noch die Stümpfe der Beine stehen. Der Leib erscheint in dieser ungewohnten Perspektive dick, wie von Verwesungsgasen aufgetrieben. Der Kopf ist zum Himmel gerichtet, das Maul wie in stummer Klage offen. Ein Bronzepferd. Aber der junge Mann, der neben mir geht, ist blaß geworden. Er war sechs Jahre lang Soldat

Aus den Bombentrichtern wachsen hohe Kräuter. Die Mauerreste überziehen sich mit grünen Moosen. Auf dem Schutthaufen weht das hohe Gras im Wind, und die nackten schwarzen Äste verbergen sich im frischen Grün der lebenden. Die Natur ist dabei, mit zärtlich-despotischer Beharrlichkeit das zerstörte Menschenwerk wieder in sich hereinzunehmen. Schon wirkt der wilde Garten fast wie ein Stück Landschaft mitten in der Großstadt, nahe beim Bahnhof. Die Grundmauern beginnen schon, abgelöst von der Vorstellung der Gebäude, die sie trugen, ihren eigenen Sinn aus ihrer eigenen Schönheit zu gewinnen. Schon haftet der Stätte eine leise Spur jenes Duftes von Alter, Schicksal und Zeitlosigkeit an, der Pompeji und den Olymp umweht.