Einesmuß ich vorausschicken: ich bin ein junger Mensch, zähle zu denen, die man kürzlich als "Generation ohne Väter" bezeichnete und damit charakterisieren wollte. Nehmen wir an, es sei wirklich so, dann dürfen, wir als enfants terribles in viel ausgeprägterem Maße von dem Vorrecht jeder Jugend Gebrauch machen: wir dürfen fragen. Und es werden Fragen sein, die sehr unbequem für diejenigen sind, die sich heute "wissend" dünken und, mit dem Glorienschein der Überlegenheit umgeben, auf uns so bedauernswerte Geschöpfe herabblicken, die wir nicht über ihre "Charakterköpfe" verfügen.

Alle Analysen und Aussagen gingen in erster Linie von der Fragestellung des "Was" aus. Man preßt subjektive Gedanken in eine Form, die als Endergebnis den heutigen Zustand konstatieren. Die Resultate brauche ich nicht näher anzuführen, sie sind dadurch gekennzeichnet, daß man nichts Rechtes mit den etwa 25jährigen anfangen kann, man möchte in ihnen geistige Zwittergeschöpfe sehen, für die die traditionellen Wertmaßstäbe unpassend geworden sind. Warum entschließt man sich da nicht zu einem neuen Maß? Gewiß ist es beschwerlich und erfordert eine Umstellung, aber man könnte doch wenigstens den Versuch machen, uns zu verstehen. So laufen wir Gefahr, von vornherein zu angeblich sekundärer Bedeutung verdammt zu sein, ständig mit dem Unvermögen behaftet, jene Geistigkeit und Regsamkeit der Vorweltkriegs generationen zu erreichen.

Wahrhaft traurige Aspekte! Obwohl niemand gern an seinen eigenen Tod denkt, so sollte man dennoch berücksichtigen, daß wir eines Tages – und das in nicht gar zu langer Zeit – bereit sein müssen, die Lasten der uns so überlegenen Vorgänger zu übernehmen. Warum denkt man sowenig daran, daß jede junge Generation gewisse Gegensätzlichkeiten und Spannungen mit der vorhergehenden aufweist, daß die Erfahrungen immer wieder neu erarbeitet und erworben werden wollen und daß sich die Begriffe tatsächlich innerhalb eines Jahrzehnts wandeln können?

Ich spreche hier pro domo, glaube aber die volle Zustimmung zu finden, wenn ich bitte: laßt uns Zeit! Auch von uns ist ein Teil bewußt erlebend durch die Jahre gegangen, nicht alle sind durch eine Scheuklappenperspektive verblendet und eingeengt gewesen, aber wir sind einfach noch nicht fertig. Wir müssen mühsam den Weg zu uns selbst wiederfinden, gleichsam in uns hineinhorchen und lauschen, ob die Saiten unserer Seele nicht mehr disharmonisch klingen.

Man bombardiert uns geradezu mit Begriffen, für die wir uns selbst erst die Inhalte bilden müssen, damit sie nicht leere Formen bleiben, sondern voller Leben in uns pulsieren. Das Leid, die Not, durch die wir hindurchmüssen, statuieren ein Exempel, was Menschlichkeit tun müßte, wo Humanität am Platze wäre. Ist es aus dieser Tatsache heraus verwunderlich, wenn wir zur Skepsis neigen? Macht es besser, und an Stelle Begriffe zu predigen, lebt sie, das ist viel eindringlicher und anschaulicher als alle Essays und gelehrten Abhandlungen. Wir sind nämlich nicht so "unromantisch" und damit unempfänglich für Regungen, die aus dem Herzen kommen, ja, wir haben vielleicht gerade für sie eine besonders sensible Ader.

Man zweifelt an unserer geistigen Leistungsfähigkeit, wahrscheinlich sogar an unserem Willen zur Leistung. Wie unwahr! Aus Gesprächen und Diskussionen mit Gleichaltrigen weiß ich, wie ernst man sich um die Dinge bemüht, mit welchen Konflikten es verbunden ist, sich aus den Scherben des inneren Trümmerhaufens ein neues Mosaik des Lebens zu bilden. Steinchen zu Steinchen, Erkenntnis zu Erkenntnis, es geht nicht so schnell. Das hat nichts mit Indifferenz und geistiger Reaktion zu tun. Ich sagte ja, viele gingen mit weit offenen und entsetzten Augen durch die letzten Jahre. Was wir nicht wollen, sind jene Pseudowahrheiten, jenes Treiben auf der Oberfläche, das blassen Charakteren zu eigen ist, die auf jede Frage zwar eine Antwort bereithalten, aber niemals bis zum wesentlichen Kern durchzudringen vermögen. Und um den handelt es sich doch, ob man nun von Christentum, Demokratie, Sozialismus oder Humanität spricht.

Es kommt uns weniger auf das Wort als auf den Inhalt an. Gewiß, im äußeren Leben muß man heute Improvisieren: von einer Kartenperiode zur andern, bis zur neuen Ernte, bis 1949 und vielleicht noch weiter, aber eines dürfen wir verlangen: improvisiert nicht auch im Geistigen! Wir glauben wie vielleicht keine andere Generation an die Kraft und die Entscheidungsfähigkeit des Geistes, sehen in ihm unsere einzige Stütze und eine Tradition, auf die wir stolz sind.