Die ersten neuen deutschen Bücher liegen auf dem Schreibtisch in unserer Redaktion. Welche Freude, wieder damit beginnen zu können, Bücher anzuzeigen und zu besprechen! Seit über einem Jahr sind keine mehr erschienen, und schon lange vorher war es schwer, ja oft unmöglich, uneingeschränkt sein Urteil abzugeben. Zum Teil sind die, die jetzt erscheinen, noch Werke, die, vor 1945 herausgegeben, nicht zu den Lesern gelangten, weil die Auflage durch Bomben vernichtet oder infolge zu geringer Höhe zu früh vergriffen war. Wir freuen uns über sie ebenso wie über die neuen Werke, die jetzt erscheinen werden.

So bringt der Marion-von-Schröder-Verlag "Liebe, Brot der Armen" von Thyde Monnier neu heraus, einen französischen Roman, den Ernst Sander gut übersetzt hat. Er spielt in Südfrankreich und hat viel von der Wärme und der Leidenschaft der Landschaft und der Menschen jenes gesegneten Landes. Man könnte ihn eher eine Romanze nennen, die von der Liebe handelt; denen, die beschwingte Bücher lieben, wird dieses große Freude bereiten.

Im gleichen Verlag ist auch das "Gastmahl" des Piaton in der vorzüglichen Übersetzung von Bruno Snell neu erschienen. Es ist ein großer Genuß, diese Übertragung zu lesen. Sie hält genau das, was man von einer Übersetzung fordern muß, nämlich die Mitte zwischen der Diktion des Originals und den Erfordernissen einer schönen deutschen Sprache. So ist hier in wahrhaft humanistischem Sinne griechischer Geist über das griechische Sprachgefühl in deutsche Form gegossen. M. R.

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Unter der Jahreszahl 1946 läßt der Christian-Wegner-Verlag Hamburg gleich auf einmal zwei neue bedeutsame Bücher von Richard Benz ins Land gehen: "Stufen und Wandlungen", das den Untertitel "Buch der Reden und Aphorismen" führt, und "Lösung und Bindung", dessen aus kriegsbedingten Schwierigkeiten allzu niedrige erste Auflage dem deutschen Leser weithin unbekannt blieb und das darum ebenfalls für neu gelten darf. Benz gibt in seinen Einleitungen zu verstehen, daß er selbst beide Veröffentlichungen ihrem innersten Charakter nach als autobiographisch empfindet: so nämlich wie der Schriftsteller, dem sein eigenes Stilgesetz wie die Geschmacksrichtung des Publikums die den Dichtern vorbehaltene Mitteilungsform der Konfession verwehrt, gelegentlich in seiner notwendigen sachlicheren Weise von Gegenständen berichtet, in denen sich sein persönliches Lebensverständnis deutlicher als sonst spiegelt. Wohl ist in solchem Falle das autobiographische Moment noch immer chiffriert und angepaßt an fremden Stoff und überpersönlichen Gehalt; aber die behandelten Themen weisen jeweils greifbar zurück auf den Standort des Autors. Die Persönlichkeit und ihr eingeborenes Lebensgefühl, sonst das unauffällige Prisma, durch das sich die Weltschau des Schreibenden bricht, wird durch diesen Prozeß sichtbar gemacht. Und gerade in der für die persönlichen Schichten noch transparenteren Form des Aphorismus bietet sich dem Schriftsteller ein stilgemäßer Ausdrude seines Erlebens an, dessen unmittelbaren Rhythmus er sonst unter dem Anspruch der Sachlichkeit zu verhüllen strebt. Aber auch hier bleibt er, sofern er sein besonderes Amt so verantwortungsvoll begreift, wie Richard Benz es tut, noch immer im Dienst an der Sache: ihm dient die Genealogie seines Schaffens zu vertiefter Selbsteinsicht in seine persönlichen Bedingt- und Gewordenheiten und eben darin zur Überwindung und Ausschaltung von Subjektivismen und zur Erlangung erhöhter Objektivität. Auf diesem Wege markieren bei Benz oft Fragesätze solche äußersten Anläufe einer denkerischen Intensität, die über den Bannkreis der eigenen Lebensbasis sehnsüchtig und gewaltig hinausdrängt und der mit der Methode des "vielfältigen Fragens und Durchprüfens, Grübelns und Bezweifelns" schließlich doch die Rundung, die bündige Gestalt gelingt.

Eine eigene Erregung packt den Lesenden und zieht ihn mit dem sublimen Reiz des geistigen Abenteuers in den Kreis dieses hohen Spiels, in dessen Verlauf man die überraschendsten und tiefsten Einblicke erhält. Es ist das weite Reich der Kulturgeschichte und das menschliche Schicksal der Geschichtlichkeit unseres Daseins, in das Benz mit immer neuen Perspektiven eindringt. Dabei öffnet sich ein Horizont hinter dem andern; der "Geschichtshimmel" offenbart ein kreisendes "historisches All", das nicht anders wie der physische Kosmos sich zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Aspekten darbietet, einmal im Schatten verbirgt, was beim andernmal im strahlenden Licht hell hervortritt. Die Problematik unseres Verhaltens zur Geschichte wird mit kühnen und weitausgreifenden Reflexionen umkreist, und immer neue "kopernikanische Wendungen" werden gefunden, die uns der trügerischen Konzeption des jeweiligen Jetzt und Hier mit seinen mannigfachen Täuschungen der Perspektive Und Zeitlichkeit entheben sollen zum Nutzen eines ungetrübteren Erkennens. So ist die Formel von Lösung und Bindung, die Benz als Kulturbegriffe verwendet, das Ergebnis langen Bemühens um "eine gerechte und positive Würdigung der Zwischen- und Schwebezustände" im Kulturreich, die in der bisherigen Optik nicht deutlich werden konnte: kein willkürlich an den Stoff herangetragenes Ordnungsschema, sondern an den Phänomenen aufmerksam abgelesenes Gesetz. Sachhaltigkeit und strenge Analysen zeichnen dabei die Darstellung ebenso aus, wie eine vom gütigen Verstehen des reifen Menschen getragene Liebe zum Vergangenen und Gewesenen, die gegenüber Nietzsches einseitiger Polemik gegen den Historismus seines Jahrhunderts ein beide Geschichtshaltungen überwindendes und übergreifendes Wandlungen" Verständnis erbringt. In "Stufen und Wandlungen" ist dieses Darlegungsprinzip weitergebildet mit noch reicherem – Ertrag: zu den "Problemen zwischen den Kulturen" dort treten nur "europäische Begegnungen", in denen sich dieses offene, systemfreie führen vielfältig erprobt. Die Aphorismen aber führen in eine Gedankenwerkstatt ein, deren Reichtum überwältigt; hier findet sich die stets gegenwärtige Auseinandersetzung mit Nietzsche und die ebenso ständig vorhandene Sympathie der Gesinnungsgemeinschaft mit Jakob Burckhardt als eine untergründige Bewegung: ein Selbstgespräch unserer Geistesgeschichte, das den geistigen Rang, den Richard Benz heute schon einnimmt, deutlich verrät.

Heinrich Leippe