Vor mir liegt ein schmales Bändchen des Aufbau-Verlages in Berlin: "Neue Gedichte" von Gerhart Hauptmann. Indem ich darin blättere, erstehen wieder in voller Lebendigkeit vor mir die beiden letzten Jahre dieses Krieges, da ich in täglichem Umgang mit dem Dichter das Archiv auf dem Wiesenstein zu Agnetendorf nach den vielen noch ungehobenen Schätzen durchforschte. Da fand ich beim Durcharbeiten der zahllosen Tage- und Notizbücher, die dieses lange, unvorstellbar reiche Schöpferleben begleitet haben, immer wieder neue Gedichte und Sprüche in den winzigen, zuweilen halb von der Zeit verwischten, oft schwer enträtselbaren Schriftzügen Hauptmanns, gleichsam flüchtigen Spuren vom jähen Vorüberflug der Visionen und Eingebungen. Und es war stets ein Fest für den Dichter und mich, wenn ich wieder einmal zur Teestunde mit solch einem glücklichen Fund aufwarten konnte, und Gerhart Hauptmann seinen eigenen, lang vergessenen Worten ergriffen lauschte, als seien sie ihm eben neu geschenkt.

Nun begegne ich ihnen wieder in dieser kleinen Sammlung von Versen, etwas bunt und überraschend unter die westöstlichen Klänge der letzten Jahre gemischt, ohne indessen unorganisch zu wirken; denn das durch sechs Jahrzehnte immer vielfältiger sich verzweigende Gesamtwerk Hauptmanns ist ja ein durchaus naturhaft gewachsener Organismus.

Da steht nun etwa jener Spruch, den er vor 46 Jahren einmal zu Bozen ins Tagebuch schrieb, und der die stete Traumverwobenheit seines Wirklichkeitserlebens bekennt: "Eng schließt die Nacht mich ein, / daß mir mein Haupt erwacht / und sich sein eigner Schein / leuchtend entfacht. / Was ich gesogen hab’ / mit allen meinen Sinnen, / was Tag um Tag mir gab, / lebt nun hier innen." Sind diese wenigen Verszeilen nicht fast wie ein Kommentar zu dem bestürzend großartigen und hellseherischen "Traumgesicht", das der Dichter im Januar 1945, kurz vor der deutschen Götzendämmerung, in Worte gefaßt hat und das mit allem Fug den kleinen Band einleitet? Hier ist in gewölkhaft sich ballenden Alptraumvisionen das allem Verstände entrückte Schreckgeheimnis einer untergehenden Zeit aufgezeichnet, in der ihm selber unheimlichen Hieroglyphe des Genies:

Fragen ist hier ohne Sinn!

Die lebendige Ruh’

scheinet leere um uns her.

Trau nicht der Gestalt: