Im Herbst 1945 wurde für die britische Zone die Zahl der Lebensmittelkarten-Empfänger in den Städten über 50 000 Einwohner ermittelt, um festzustellen, wie sich die Stadtflucht der Kriegsjahre ausgewirkt habe. Das Ergebnis war für alle Städte über 50 000 Einwohner insgesamt ein Bevölkerungsverlust von 21 v.H. gegenüber 1939. Da in diesen Städten damals 10,2 Millionen Einwohner lebten, sind es über 2 Mill. Menschen, die der Krieg aus der Stadt herausgeführt hat und die bisher den Weg zurück noch nicht gefunden haben.

Aber mit diesen 2,2 Mill. Stadtflüchtigen ist es nicht getan. Der gesamte von außen kommende Bevölkerungszuwachs der Zone – Ende 1945 gegen 1939 etwa 1,1 Mill. – blieb ebenfalls in den Kleinstädten und Landgemeinden "hängen", und schließlich wird auch der im Augenblick noch laufende Strom von etwa 1,5 Mill. Ostflüchtlingen in ländliche Gegenden gelenkt. Damit kommen wir auf einen Zuwachs für die Kleinstädte und Dörfer von nahezu 5 Mill. Menschen: das ist die Hälfte des Bevölkerungsstandes von 1939.

Für die Ernährungswirtschaft ist die Anwesenheit so vieler nicht organisch mit der Landwirtschaft verbundener Menschen in unmittelbarer Nachbarschaft der Erzeugung zweifellos kein günstiges Moment, weil sie die Tendenz hat, die Ablieferungsleistung durch unkontrollierte "Abzweigung" von Mengen herabzudrücken, die im Einzelfall klein sein mögen, in der Addition aber eine beträchtliche Größenordnung erreichen. Ein erheblicher Teil der auf das Land Zugezogenen ist schon jetzt oder wird doch in absehbarer Zeit in Geldschwierigkeiten geraten, weil fast alle Berufe außer der Landarbeit in dieser Umgebung keinen Spielraum finden können. Einzig das Kleingewerbe würde in den Landstädten kapazitätsmäßig Aussicht für entsprechende Fachleute bieten; aber es bleibt offen, woher das Kapital – nicht so sehr wertmäßig, als vielmehr das effektive Sachkapital, Maschinen, Werkzeuge usw. – für Neugründungen kommen sollte. Es wird also das Ziel sein müssen, möglichst viele Zugezogene dauernd in der Landwirtschaft zu verwurzeln. Hier taucht die Bodenreformfrage auf mit all ihren Schwierigkeiten. Für den Augenblick steht die Belastung der kleinen und kleinsten Gemeinden mit weit über ihre Kräfte gehenden Fürsorgepflichten im Vordergrund.

Die Einzelergebnisse der statistischen Erhebung zeigen den Einwohnerschwund der Städte zum erstenmal in exakten Zahlen. An der Spitze steht Münster mit 48 v. H. Bevölkerungsverlust, es folgt Köln mit 44 v. H., Bielefeld mit 34 v. H., Düsseldorf und Aachen mit je 32 v. H., Gelsenkirchen und Bochum mit je 31 v. H., Essen und Hannover mit je 29 v. H., Rheydt mit 28 v. H., Kiel und Duisburg mit je 27 v. H., Wanne-Eickel mit 26 v. H., Hagen mit 25 v. H. und Hamburg und Bremen mit je 22 v. H., wenn wir nur die über dem Durchschnitt (21 v. H.) liegenden Einwohnerverluste nennen.

Betrachten wir die Lage nach Landesteilen, so steht die Nordrheinprovinz mit einem durchschnittlichen "Stadtvolkschwund" von 27 v. H. obenan, es folgt Westfalen mit 25 v. H., dann Hamburg und Bremen mit je 22 v. H., Hannover mit 14 v. H., Braunschweig mit 17 v. H., Oldenburg mit 1 v. H. und Schleswig-Holstein mit – einer Zunahme um 15 v. H.!

Damit ist die Tatsache berührt, daß es neben den vielen Verlierern auch Gewinner unter den Städten gibt. Die schleswig-holsteinischen Städte gehören, mit Ausnahme von Kiel, alle dazu: Lübeck hat trotz seiner Luftkriegsschäden jetzt 72 v. H. mehr, Flensburg 49 v.H. mehr und Neumünster 10 v.H. mehr Einwohner als 1939. "Gewinner" in diesem Sinn sind sonst noch Lüneburg (plus 60 v. H.), Göttingen (plus 52 v. H.), Celle (plus 41 v. H.) und Oldenburg (plus 20 v. H.). Auch hier sind zum Teil Flüchtlingsdurchgangslager vorhanden. Oldenburg hat seinen Gegenposten in Wilhelmshaven, das einen Einwohnerschwund von 16 v. H. aufweist.

J. B-e.