Eine temperamentvolle Leserin, Flüchtling aus dem Osten, schreibt uns:

Sie brauchen ein Paar Schuhe? Ich auch. Mehrere Paar sogar. Hundeschuhe könnte ich Ihnen verschaffen. – Hundeschuhe? So habe ich auch gefragt in dem großen Hamburger Kaufhaus. Doch es ist kein Irrtum. Die hufförmigen Gummihüllen – ob sie von einer Gasmaske stammten oder aus welchem andern ehemals kriegswichtigen Zubehör sie hergestellt sind, vermochte ich nicht festzustellen –, diese Gummihüllen also werden tatsächlich als Hundeschuhe verkauft. Ein ganzes Fach unter dem gläsernen Verkaufstisch füllen sie, das Stück zu 90 Pfennig. Man muß demnach 3,60 RM anlegen, wenn man mit seinem vierbeinigen Hausfreund beschuht über den Jungfernstieg wandeln will. Punkt- und bezugscheinfrei sind die Schuhe natürlich. Wenigstens unsere Hunde haben wieder Schuhe! Sie besaßen zwar früher keine, wenigstens die Hunde, die ich kenne; aber man soll sich einem gesunden Fortschritt nicht verschließen. Und es ist so trostreich, wenn jemand in Deutschland wieder Schuhe hat, man kann dann hoffen, daß man vielleicht auch einmal selbst dran kommt. – Ob die Hundeschuhe reißend gekauft werden? Ich habe eine Weile in der Nähe des Verkaufstisches gestanden, in der Zeit fand sich kein Käufer ein. Ich hätte mich bei dem Fräulein am Verkaufstisch erkundigen sollen. Sie hätte mir auch Auskunft darüber geben können, ob die Hunde das ihnen bisher unbekannte Bekleidungsstück freundlich schwanzwedelnd aufnehmen, oder ob sie etwa wütend knurrend sich die ungeschickten Gummistöpsel von den Beinen beißen. Das wäre peinlich. Besonders für den genialen Erfinder der Hundeschuhe. Am liebsten hätte ich ja vier Hundeschuhe gekauft und sie unseren Freunden für ihren Langhaardackel mitgebracht. (Man ist so glücklich, wenn man mal etwas mitbringen kann.) Aber 3,60 RM sind für einen Ostflüchtling viel Geld. Darum ließ ich es lieber und kaufte mir für 3,15 RM eines "Vorratsbehälter". Nicht für meine Vorräte. Wo sollte ich welche herhaben. Wohl aber, um ein Pfund Mehl aus einer geplatzten Tüte zu retten.

So kam ich von den Hundeschuhen zu den anderen Abteilungen des Warenhauses. Auf die "Vorratsbehälter" stürzte ich geradezu: denn von weitem sah es aus, als ob dort Konservenbüchsen mit Corned beef, Olivenöl, Sardinen und kalifornischen Früchten zu verkaufen wären. Die Büchsen waren – leer. Ich sehe ein, es wäre ein unbilliges Verlangen, wenn wir Olivenöl zu kaufen wünschten. Nein, nein, Hauptsache, wir bekommen im nächsten Jahr etwas reichlicher Kartoffeln. Auch die leeren Büchsen können wir ganz gut gebrauchen; wer nichts mehr hat, benötigt alles. Nur wären wir dankbar, sie könnten uns billiger geliefert werden. Für ein handhohes schmales Büchschen 1,50 RM Die Deckel liegen ja drin, abgeschnitten mit dem Büchsenöffner, doch man kann sie als Verschluß für seine neuen Vorratsdosen nicht mehr recht verwenden, sie fallen nämlich hinein. Ich will die Büchsen nicht schlecht machen, nur, wie gesagt, billiger sollten sie sein, wo sie doch eigentlich ein Abfallprodukt der Kantinen und Kasinos sind. Wenigstens stellt man sich das als Laie so vor. Von Müllhaufen auf den Höfen der eleganten Hotels. Oder irre ich mich?

Ich bummelte noch ein wenig durch die großen Räume. Ich kam vorüber an Grabvasen und Springschnüren aus Gummi, an Zierdeckchen, an Kacheln und manchen anderen unentbehrlichen Gegenständen. Oft war es gut, daß man auf Plakaten lesen konnte, was einem geboten wurde, denn nicht immer begriff man ohne weiteres den Sinn der vielfältigen Geräte. Wie etwa den des abmontierten Portepees, der Zierde des Degens. Heute nennt man das Portepee "Schleuderschnüre". Ich habe leider nicht danach gefragt, darum weiß ich den Verwendungszweck nicht näher anzugeben Ob man mit der Schleuder Katzen schießen soll? Ich dächte mir die Portepees ganz wirkungsvoll auf den Hut garniert. Soweit man noch einen besitzt. Aber, gottlob, sind ja nicht alle Menschen Ostflüchtlinge.

Einen großen Tisch voll kleiner Handwagen sah ich noch liegen, wohl als Kinderspielzeug gedacht. Unter eine alte Kiste hatte man zwei – nicht immer ganz runde – Räder genagelt. Daneben lagen Stöcke mit einem Querholz als Griff, die Deichseln. Der Käufer sollte sie sich wohl selbst an das Spielzeug nageln und 8,20 RM dazuzahlen. Könnte man die Holzwägelchen nicht wenigstens glatthobeln? Einen Hobel werden die Hersteller sich leisten können, und Glaspapier bekommt man gelegentlich sogar als Ostflüchtling schon in der Drogerie zu kaufen. Man könnte damit manchen Holzgegenständen ein etwas gefälligeres Aussehen geben.

Haben Sie Bedarf an Hundeschuhen? Ich bin gern bereit, den Kauf zu vermitteln. Auch ohne Provision. Inge v. Wiese Hamburg