Am Ende des zweiten Weltkrieges wurden uns mit größerer Eindringlichkeit als je zuvor diese Fragen vorgelegt: In welcher Situation befinden wir um? Woran glauben wir? Wohin strebt die Menschheit dieser Zeit in ihrer Irrung und Verwirrung?

Der Krieg hat uns vor allem die unbestrittene Herrschaft der Naturwissenschaften gezeigt. Der Krieg zerschlug Staaten und Regierungsformen und ließ neue aus den Trümmern erstehen. Millionen von Menschen schickte er in die Arena und ließ sie unbefragt um ihren Willen sterben. Man sieht: die von Menschenhirnen erdachte und von Menschenhand gelenkte Kriegsmaschine hat nicht versagt. Was aber restlos versagte und seine vollkommene Ohnmacht gegenüber einer augenscheinlich nur von kompaktem Materialismus regierten Welt bewies, ist der Geist, das Geistige im Menschen. Versagt hat die Vernunft.

Die Problematik dieser negativen Tatsache ist unendlich gewichtiger, als man gemeinhin glaubt. Das beweisen die mannigfachen Stimmen, die vor allem auch aus dem Lager unserer ehemaligen angelsächsischen Gegner zu uns dringen. Ob ein englischer Erzbischof fragt, was das öffentliche Leben die Kirche angehe, oder ein französischer Philosoph die menschliche Person zum Gegenstand einer Untersuchung nimmt, ob in einer bekannten englischen Wirtschaftszeitung von dem "erstaunlichen Gegensatz zwischen der Höhe der Wissenschaften und dem politischen Infantilismus der Menschheit" gesprochen, oder ob verantwortungsbewußte Deutsche die Frage nach Glauben und Sittlichkeit als den Fundamenten allen menschlichen Denkens und Tuns stellen, immer wird die Frage nach. einer neuen Wertordnung aufgeworfen und die Forderung nach der Notwendigkeit neuer Realitäten erhoben. Die Sehnsucht nach einer neuen, starken, lebendigen Glaubensüberzeugung ist wach. Aber es gibt kein Kompendium, das über die Ansatzstelle eines neuen Weges sichere Auskunft geben könnte. Es gibt keine Wissenschaft von Menschen.

Aber es gibt Menschen, die dieses Vakuum in der Geisteswissenschaft erkannten und auszufüllen versuchten. Vor kurzem konnten wir lesen, daß ein Buch über den deutschen Philosophen Wilhelm Dilthey ins Englische übersetzt und damit dieser bedeutendste deutsche Denker der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der englischsprechenden Welt nahegebracht wurde. Tatsächlich verdanken wir Dilthey viel. In seiner berühmten Schrift "Einleitung in die Geisteswissenschaften" geht er davon aus, daß die Naturwissenschaften bereits eine erkenntnistheoretische Begründung erfahren haben, noch nicht aber die Geisteswissenschaften, deren Hauptaufgabe es sei, die Tatsachen des geistigen Lebens aus der Totalität der Menschennatur und ihrer psycho-physischen Lebenseinheit heraus zu betrachten und zu verstehen. In dem feingliedrigen en System seiner Lebens- und Menschheitsphilosophie geht es zunächst um die analytische Erkenntnis der allgemeinen Eigenschaften des Menschen als einem Teil der Gesellschaft. Und damit führt Dilthey die Geisteswissenschaften auf bisher unbetretenes Neuland, das seitdem von anderen bedeutenden Philosophen mutig beschritten wurde. Vor allem begegnet sich der lebende spanische Kulturphilosoph und Soziologe Ortega y Gasset mit Wilhelm Diltheys Philosophie.

Und zwar ist es neben seinem bekanntesten Buch "Der Aufstand der Massen" die kleinere Schrift "Geschichte als System", in der Neues und Entscheidendes zu unserem Thema gesagt wird. "Im Mittelalter hatte der europäische Mensch im Hinblick auf die Offenbarung gelebt." – Das ist die Feststellung, von der Ortega bei seiner Frage nach den Glaubensüberzeugungen des Menschen ausgeht. Er stellt dann weiter fest, daß seit dem 15. Jahrhundert dieser "Glaube an Gott, an die Offenbarung, verlorengeht, entweder, weil die Menschen den Glauben überhaupt verloren hatten oder weil der Glaube aufgehört hatte, ein lebendiger Glaube in ihnen zu sein". Aus der seelischgeistigen Krisis des 15. und 16. Jahrhunderts rettet der abendländische Mensch den "Glauben an die mathematisch-physikalische Vernunft als der neuen Mittlerin zwischen der Welt und dem Menschen". Die Herrschaft dieser neuen Glaubensüberzeugung dauert noch heute an, aber sie ist seit einigen Jahrzehnten – und das ist das Bemerkenswerte, ja Erschreckende – in zunehmendem Verfall begriffen. "Die Wissenschaft ist in Gefahr", ruft Ortega aus, "und ich glaube damit nicht zu übertreiben, denn ich sage ja nicht, daß die europäische Gemeinschaft radikal aufgehört hat, an die Wissenschaft zu glauben, wohl aber, daß ihr Glauben in unseren Tagen vom lebendigen zum wirkungslosen Glauben übergegangen ist." Und er folgert hieraus, daß der Mensch einer neuen Offenbarung, einer neuen Glaubensüberzeugung bedarf, um mit sich und der Welt fertig zu werden; denn "jeder Mensch muß, bevor er etwas tun will, auf eigene Rechnung und Gefahr entscheiden, was er tun will. Aber diese Entscheidung ist dem Individuum nur möglich auf Grund gewisser Überzeugungen über die ihn umgebende Welt, über die Menschen, über sich selbst. Nur in ihrem Licht kann man eine Handlungsweise einer andern vorziehen, kann man, kurz gesagt, leben."

Wir brauchen eine neue Offenbarung, eine neue, starke, lebendige Glaubensüberzeugung! Woher soll sie uns kommen? Wird noch einmal die christliche Lehre sie uns geben können?

Wenn wir mit dieser Hoffnung der Kirche angehören – und warum sollten wir ihr sonst angehören? –, dann kann es sein, daß sie erneut uns Offenbarung wird, daß sie Fundament unseres Seins bilden und die länger als drei Jahrhunderte von der Menschheit mißachtete "natürliche Ordnung" aller Dinge wiederherstellen wird. Aber wenn die Kirche versagt – was dann?