Von Hans E. Oelrichs

Von gleichem Stamme sind Menschen und Götter; eine Mutter hat beiden gegeben des Lebens Hauch. Doch trennt sie beide verschiedenes Los, verschiedene Kraft. Nichtig die einen; den Göttern ragt unerschüttert in Ewigkeit das Rund des erzenen Himmels. Doch uns ward gegeben, was zu den Göttern uns aufwärts hebt: des Geistes Macht, oder des Leibes Kraft und Schönheit, ob wir auch blind dem Schicksal folgen von Tag zu Tage, von Nacht zu Nacht, entgegen verborgenem Ziele.

Pindar

In Olympia befinden sich zwei Skulpturen aus der plastischen Blütezeit des griechischen Geistes, Zwei männliche Gestalten, deren entwicklungsgeschichtliche Verbindungslinie gleichsam als ein egment die Wölbung der geistigen Kurve, die geäuterte Kraft der griechischen Klassik, umspannt, Zwischen diesen beiden Gestalten erhebt sich der kurze Bogen letzter Vollendung: der Relieffries des ’arthenon, die Korenhalle des Erechtheion, die Nike des Paionios, der Diskuswerfer des Myron oder die leichten Kraftgestalten des Polyklet.

Das erste dieser beiden Götterbildnisse, der Apollon aus dem Westgiebel des Zeustempels, steht etwa am Anfang dieser plastischen Fülle. Das :weite, der Hermes des Praxiteles, läßt sich als leren Abschluß betrachten. Diese besonderen Stellungen beider Gestalten – Eingangstor jene, \usgangstor diese – fordern zu einer vergleichenden Betrachtung heraus.

Der Apollon des Zeustempels steht in der Mitte des Giebelfeldes als göttlicher Lenker des Schlachtgetümmels, das zwischen Lapithen und den Kentauren entbrannt ist. Das ganze Giebelfeld ist von aneinandergewühlten Leibern gefüllt. Auf einer Doppelhochzeit im Hause des Königs Dexamenos stürzen sich unvermutet die lüsternen Greisengestalten der Kentauren, vom Weine berauscht, auf die Knaben und Jungfrauen, die sich erbittert des Zugriffs der brutalen Wildnisbewohner erwehren, Inmitten dieses Gewoges von verschlungenen Armen, stampfenden Hufen, beißenden Mündern erhebt sich als ruhende, die breit auseinandergezogene Gruppe weit überragende Achse: der Gott Apollon. Er hat den rechten Arm gebieterisch, fast waagerecht zur Seite weisend erhoben. Über die Achsel hängt ein faltiger Gewandstreifen, der an den Hüften vorbei bis zu den Füßen herunterfließt und der Gestalt eine seitliche Rahmung gibt. Das Antlitz ist schräg in die gleiche Richtung gewandt.

Der linke Arm aber hängt herab. Doch nicht schlaff, sondern leicht im Ellenbogengelenk gewinkelt und von einer geballten Bereitschaft erfüllt, mit seiner jähen Bewegung den schon bevorstehenden Sieg über die friedenbrechenden Kentauren zu vollenden.