Berlin, im Juni Es wird heute viel über Fragen der Kunst gesprochen, über moderne und unmoderne Kunst, über das Verhältnis der jungen Generation zum Schaffen der Zeit. Die Kunst scheint wieder einmal für uns aktuell werden zu sollen, nachdem sie vor ein paar Dezennien sanft in den Hintergrund entschwebt war. Es gibt Kunstsalons und Ausstellungen, Bilder erleben die sonderbarsten Schicksale; bald Seelen-, bald Sachwerte, taumeln sie durch die Zeit, werden gekauft und verkauft, verschwinden und tauchen auf und nehmen teil am Leben der Menschen, wie es sich heute gestaltet hat. Man sieht förmlich schon die Bücher, die später einmal über ihre Irrfahrten und glückliche Heimkehr geschrieben werden müssen.

Eines aber scheint man bisher übersehen zu haben, einen Faktor, der in unserem ganzen Verhältnis zur Kunst eine wesentliche Rolle spielen wird: daß ihre Werke einen Wert bekommen haben, den sie früher nicht besaßen, nämlich Seltenheitswert. Früher ging man im Vorbeigehen ins Museum, wenn man das Bedürfnis empfand, etwas von Rembrandt oder Rubens, von Marées oder Schuch zu sehen Heute? Wie lange ist’s her, seit man den letzten Vermeer sah. Wann begegnete man zum letztenmal Ludwig Richter, Manet, Honoré, Daumier? Bilder sind aus unserer Welt verschwunden; Generationen sind herangewachsen, unter denen selbst die, die das Bedürfnis danach verspüren, nie einen Dürer, einen Holbein, einen Cranach gesehen haben. Das mag an sich viel besser sein als die Überfütterung, die man früher Erziehung zur Kunst nannte. Zuweilen aber steigt in uns, die wir einst den Reichtum der ganzen Welt an diesem farbigen Abglanz besaßen, die Sehnsucht auf. Kunstbücher sind schön. Was aber ist die herzlichste Reproduktion gegen den Edelsteinglanz des wirklichen Théatre Gymnase, wie soll ein Druck den inneren Reichtum einer Rubenslandschaft einfangen? Seltenheitswert – gut! Aber man möchte wieder einmal dem Leben in diesen seinen höchsten Steigerungen begegnen, möchte auf Werke und Menschen treffen, aus denen das Dasein ohne Schleier und Hülle in seiner ganzen Größe und zugleich in der ganzen Schönheit und Formenpracht seines eigenen Ausdrucks spricht. Man empfindet ein Bedürfnis nach Begegnungen, nach Berührung von Wesen zu Wesen, wie sie heute in unserer Welt überhaupt selten geworden ist.

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Im Berliner Zeughaus, Unter den Linden, ist vor kurzem eine große moderne Kunstausstellung eröffnet worden: rund sechshundert Werke sind im Erdgeschoß des Schlüterbaues vereint, Plastik, Gemälde, Graphik, also eine richtige "Große Berliner" wie in früheren Zeiten. Man wandert hindurch, suchend, auf die Stimmen der Zeit horchend – und auf einmal ist da, was man ersehnte, stärker, intensiver, als man es beim Betreten der alten Barockräume vermuten konnte. Begegnung um Begegnung ergibt sich, beglückend und schmerzlich, bitter, hart und überglänzt vom Widerschein vergangenen Lebens, Begegnungen mit Werken der Kunst, wie man sie suchte, und mit Menschen, deren Erlebnis ebenso stark und mitreißend ist wie der Widerschein der Welt im Spiegelbild ihrer Gestaltung. Eine Ausstellung von Werken heutiger Kunst, zusammengebracht unter den tausend Schwierigkeiten der Zeit, gibt eine Lebensfülle, wie sie das reichste Museum kaum je zu bieten hatte. Man erlebt Kunst, die von uns hardelt, Menschen, die gleich uns lebten; die Zeitlosigkeit des Endgültigen verschmilzt mit der Nähe des selbstgelebten Gegenwärtigen und die Begegnung mit dem Absoluten, die im unserer Vorstellung Rembrandt und Rubens, Holbein und Watteau hieß, trägt auf einmal Namen aus unserer Zeit und unserer Welt. Mit halbem Staunen sehen wir, wie sich die Gegenwart auch hier vor das Vergangene, das Leben vor die Geschichte stellt und die eigentlichen Begegnungen bringt, die tiefer gehen als alle nur von der Kunst bedingten. Es ist wohl so wie Kierkegaard es sah: Das Eigentliche beginnt wirklich erst hinter dem Reich des Ästhetischen Insonderheit in unseren Tagen.

Etwas gesondert von dem übrigen, ein paar Stufen erhöht, hat man im Zeughaus zwei Sonderausstellungen untergebracht. Es sind wohl die kleinsten, die man je sah: die eine umfaßt vier oder fünf Werke, die andere nur zwei. Sie sind dem Andenken an zwei junge Menschen gewidmet, deren hoffnungsvolles Leben der Staat vernichtet hat, weil sie sich seiner brutalen Geistlosigkeit nicht beugen wollten. Man liest die Namen: Kurt Schumacher steht auf der einen, Oda Schottmüller auf der andern Tafel – und plötzlich steigen Gestalten und Stunden herauf, Erinnerungen an menschliches Begegnen und an Werke, die hier nicht mehr gezeigt werden konnten, weil die Vernichtung sich nicht mit dem Menschen begnügte, sondern auch seine Leistung erfaßte, die Dokumente seines Schaffens ebenso zerstörte wie ihn selbst.

Kurt Schumacher war Bildhauer, so begabt, daß selbst der Staat, der ihn nachher aufhängte, nicht umhin konnte, ihn zu Arbeiten heranzuziehen. Eine mittelgroße Gestalt mit einem schmalen beweglich-lebendigen Gesicht, intelligent, von wachem Instinkt für die Gegenwart erfüllt, den Problemen seines Tuns mit Hand und Kopf zugleich nachgehend. Er hatte ein seltsames Atelier, das nur Eingeweihte kannten, versteckt mitten in einer großen Laubenkolonie – am Bahnhof Papestraße; ohne Führer fand man nicht hin, und selbst wenn man es gefunden hatte, sah man nichts als eine kleine Bretterscheune, einen bloßen Arbeitsraum. Da hauste und wirkte er, verbrachte oft auch seine Nächte: dort stand eine Fülle von Werken, die inzwischen alle von der Gestapo zerstört worden sind. Schumacher unternahm allerlei formal wie materiell interessante Versuche: er ging dem Raum des Reliefs in die Tiefe nach, schlug sich mit dem Flächenproblem der Form herum und zugleich mit ihrer Einordnung in das Ganze der Architektur: er griff nach dem Eisen als Material, suchte ihm den Ausdruck des Gemeinsamkeitsgefühls zu entreißen, das ihn selbst trug. Er war Kommunist. Sein Vater war im Gefängnis ein Opfer des Staates geworden; für ihn gab es nur eins: Kampf gegen diesen Staat mit allen Mitteln! Er hatte den Glauben junger Menschen an den Sieg, der ihm wichtiger war als sein Werk, obwohl er eine nicht gewöhnliche Begabung mitbrachte. Der "Fallende", den die Ausstellung zeigt, ist ein schöner Beweis für die Kraft der Beseelung des Formalen, die in ihm war; das Holzrelief des "Totentanzes" zeigt die Weite der bewußten Diskussion, die er mit den Grundfragen seiner Arbeit aufgenommen hatte, und läßt ahnen, was an weiteren Möglichkeiten mit ihm dahingegangen ist.

Die andere Seite der kleinen Sonderbühne gehört Oda Schottmüller. Sie war im gleichen Alter wie Kurt Schumacher, stammte aus der alten Danziger Familie ihres Namens und stand, als das Schicksal über sie hereinbrach, am Beginn einer Laufbahn, die vieles verhieß. Sie war Tänzerin und Bildhauerin zugleich; sie vereinte beide Seiten ihres Wirkens in ihren Maskentänzen. Jung, schön gewachsen, von strahlender Gesundheit, suchte sie in der gleitenden, schwingenden, mitreißenden Bewegung des Tanzes den stärksten Ausdruck des Moments und gab ihm zugleich in den Masken, die sie tanzend trug, das Bleibende, die nicht nur einmalige Form, den Ausdruck jenseits der Zeit. Es war ein merkwürdiger Eindruck, wenn sie dem Elementaren ihres Tanzes das starr Sakrale ihrer Masken einfügte, wenn über dem vergleitenden Schwung der Glieder bewegungslos, goldglänzend, unberührt von diesem heißen Leben statt des jungen Gesichts die Maske leuchtete; es war, als ob das, was Oda Schottmüller in der Plastik gab, für sie der Ergänzung vom Leben her bedurfte. Sie hat Porträtbüsten geschaffen, voll starker Unmittelbarkeit des Ausdrucks, daneben Akte von intensivem Formgefühl; man hatte oft ein Gefühl der Ungeduld, als ob ihr der eine herausgelöste Moment im Werk zu wenig war gegenüber der Fülle des bewegten Lebens, dem ihr Körper im Tanz Ausdruck gab. Ihrer Energie, die schon in der unaufhaltbaren Zielstrebigkeit ihres Ganges sichtbar wurde, genügte die Auswirkung am ruhenden Sein des Werkes nicht: sie wollte Impuls, Bewegung, Strom, wollte Leben. Das Dritte Reich hat diesem schönen Leben voll Kraft und Zukunft ein vorzeitiges Ende durch den Strang bereitet; nach langer qualvoller Haft ist Oda Schottmüller zur gleichen Zeit wie Kurt Schamacher den letzten Weg gegangen.