Von Bruno E. Werner

Die erste Fahrt nach Berlin. Wenn man im Zug aufwacht, fährt man am Wildpark entlang. Ein Blick durch das Grün des Parkes von Sanssouci fällt auf die leere Hülse des neuen Palais mit den Kommuns. Dann wieder Bäume, Charlottenhof, die Havel, und plötzlich steigt rosa im Morgenlicht eine gespenstige Kulisse empor. Hinter dem ausgebrannten Stadtschloß baut sich das seltsamste Gebilde auf in lichten, pastellfarbenen Tönen – eine Fata Morgana wie ein nicht fertiggestellter Bühnenprospekt von Caspar Neher. Das ist der Alte Markt mit der Nikolaikirche, die einst die Kuppel Schinkels trug und die nur noch Teil ist einer makabren Riesenkulisse.

Am Bahnhof Charlottenburg, den man mit dem Herzklopfen vor einem großen Wiedersehen verläßt, sehen die Zerstörungen kaum anders aus, als man sie aus dem Februar 1945 kannte. Überhaupt fällt es schwer, im Westen zu unterscheiden, was durch den Kampf oder was vorher bereits durch den Luftkrieg vernichtet worden ist.

Jedoch die Innenstadt. Bereits die Gedächtniskirche, gitterhaft zerfranst, mit jenen monströsen Formen, die Bauten annehmen, die technische Menschengewalt und nicht die Zeit zerstörte. Die Berliner, scheinbar so kaltschnäuzig, in Wahrheit jedoch mutig und vorurteilslos noch in den gefährlichsten Lagen, machen wie immer ihre Witze (man muß in Berliner Luftschutzkellern 1944/45 gesessen haben, um die Licht- und Schattenseiten dieser verwegenen Rasse ganz zu kennen). So läuft das Gerücht um, eine der alliierten Mächte habe die Absicht, die Gedächtniskirche wieder aufzubauen. "Diesmal aber versenkbar!" sagen die Berliner im Hinblick auf das vieldiskutierte Verkehrshindernis.

Am Gendarmenmarkt. Zwischen den halbzerstörten Gontardschen Kirchenbauten das verbrannte Schauspielhaus. Davor Hunderte von verrosteten Autos. Schwarzes Gestein, die Konturen weißgeschliffen und verwittert. Sich neigende Säulen und Säulenstücke, die auf den Treppen regen. Skulpturenköpfe mit guillotinierten Hälsen im den steinernen Platten. Ein geheimnisvolles Forum, auf dem ein Mord geschehen sein muß, und das nun seit Jahrtausenden auf den Wogen des Meeres gelegen hat.

Doch all dies tritt in den Hintergrund neben der Gespensterlandschaft des Tiergartens. Brachfeld, Steppe, Mondlandschaft, Lemurengefild, kein Vergleich deckt ganz. Baumlos, mit Wurzelresten, verrosteten Panzern, Geschützteilen und rotem Karosserieblech, dehnt sich dieses Feld in Richtung Bahnhof Tiergarten, wo noch einzelne Bäume wie versehentlich stehengeblieben sind. In dieser Nacktheit rückt der Reichstag verblüffend dicht neben das Brandenburger Tor. Die Brandkulissen der Tiergartenstraße blicken auf die toten Häuserzeilen vom Bahnhof Bellevue.

Am Rande dieses Feldes beginnt die Emsigkeit der Berliner damit, eine Art Schrebergärten für Kartoffeln und Gemüse anzulegen. Die Einzäunung wird durch auf den Boden gelegtes verrostetes Blech markiert. Plötzlich sieht man auf dem flachen Feld ein nacktes Mädchen auf einem Pferd. In dieser Umwelt, wo alle Vergleiche fehlen, wäre man nicht verblüfft, wenn das Pferd sich langsam in Gang setzte. Nein, es bewegt sich nicht. Auf ihm sitzt die Amazone von Touaillon. Aber unheimlich wird diese Gespenstersteppe doch, wenn man ein paar hundert Meter weiter zwei Reihen schneeweißer Puppen sich aus der platten, graubraunen Fläche erheben sieht. Wie weiße Streichhölzchen stechen sie in dieser Weite verloren in den großen Himmel. Man erkennt aus der Ferne, daß sie Köpfe und Gesichter und hinter sich eine Art weißes Geländer haben. Als hätte der Campo Santo von Genua eine Spukwanderung in die Mark unternommen. Eine Picasso-Landschaft. So mag es jenseits des Acheron aussehen. Das ist die Siegesallee und das Ende der Hohenzollern. Das Frösteln, das man hier verspürt, verliert sich, wenn man in der Sonne die greifbare Realität der Siegessäule erblickt, auf der die Trikolore weht.