Die mit Spannung erwartete Uraufführung von Horst Langes "Traum von Wassilikowa" im Münchner Theater der Jugend versetzte uns bei aller Realistik in ein Theater der Vision, Sinndeutung, Weltbewältigung mit den Mitteln der dichterischen Sprache; die Handlungsführung trat so weit zurück, daß man diesem Theaterstück am ehesten wohl mit der Bezeichnung "Ballade" gerecht wird. Es ist merkwürdig, auch hier wieder zu erleben, wie der reale Vorgang – nämlich das Nachtlager einer Versprengten Gruppe deutscher Soldaten auf dem Rückzug aus Rußland – es gewissermaßen nicht in seiner Vordergrundswirklichkeit aushält und alsbald ins Surreale hinüberspielt. Ein Traum, den die beiden nachdenklichsten der mit schonungsloser Offenheit charakterisierten Gruppe vor ihrem Ende träumen, wird vor unseren Augen zum Tribunal, bei dem der mystische Zar-Befreier über die Laster und Sünden des russischen Volkes Gericht hält, das (im Widerspiel gegen einen allzu gestrengen Heiligen) die Gottesmutter im Falle einer verzweifelten Mutter ins Versöhnliche wendet. Die andern, die Feinde des Friedens voran, werden ihrer eigenen Verdammnis überlassen. Obgleich dieses Traumgeschehen, das sich zuweilen wie ein transzendentales Kabarett anläßt, nur auf eine taschenspielerisch lose Weise mit dem Handlungsrahmen verknüpft ist, strahlt doch aus ihm der Sinn aufs Ganze, und es ist sehr eindrucksvoll, wie Horst Lange in diesem Gericht des Traum-Zaren mitsamt der Schuld der Seinen die Schuld der deutschen wie aller Eroberer ‚spiegelt und trifft, die sich und andere der Gewalt, dem Krieg, der Unterdrückung und allem Bösen daraus überlassen, ohne ihrer Verantwortung bis auf den Grund innezuwerden. Friedrich-Carl Kobbe hat diese Vision, die trächtig ist von den Geistern der russischen Weite, der Zwiegesichtigkeit des russischen Menschen und der Verzweiflungsnähe verlorener und zum Teil auch verwahrloster deutscher Menschen, inmitten der raumgebotenen Primitivszene Jan Schlubachs überaus eindrucksvoll gestaltet. Man spürte, dieses Stück, mit all seinen Härten, Eigenwilligkeiten, seiner balladesken Schicksalsverlorenheit an Stelle der Handlung ging uns etwas an; man wird weder den mythischen Zaren (Herbert Gernot) noch den tückischen Bettler (Heinrich Hauser), weder die deutschen Soldaten (Müller, Uslar) noch die Figuren der Traumeinlage vergessen, bei der der Dichter Lange den Dichter Puschkin so überraschend gut wegkommen läßt. Wie wurde da doch allem Weltwesen der Spiegel vorgehalten in der Hure, deren wahres Gesicht die Maske jäh entlarvt!

Man findet es auch an dieser Traumballade bestätigt, daß der surreale Stil heute nicht eine Weltmode ist, die durch Nachahmung zustande kommt, sondern der wahre, notwendige Ausdruck einer Welt, deren äußere Wirklichkeiten in Trümmer zerfielen, die nun nicht mehr aufeinanderstimmen. Überall durch die Ritzen dringt heraus, was "dahinter" ist, und unser mühseliges Fragen, Raten und Schauen ist große Not auf dem Weg zum größeren Trost. Auch der Traum von Wassilikowa" ist ein Sterbetraum der Besten; aber noch in der Stunde ihres Sterbens antwortet der vollen Verzweiflung die ernste männliche Zuversicht, die Hoffnung auf ein besseres Los, eine bessere Welt. Die Zuhörer dankten nach einer Stille der Ergriffenheit sehr herzlich dem anwesenden Dichter, dem Spielleiter und den Darstellern. Zur Pantomime hatten Lothar Brühne und Emil Ferstl Musik beigesteuert, die dem Traum gab, was des Traumes ist. Hanns Braun