DIE ZEIT

Von Hanns Braun

Frei herausgesagt: es machte mir anfänglich viel Verdruß und schlechtes Gewissen, wenn ich schon wieder frühmorgens aus dem Hause lief. Ich hatte ja mein Leben bis dahin so ganz anders verbracht. Zum Beispiel: immer vom Frühstück bis zum Mittagessen durchgearbeitet, ebenso am Nachmittag, oft sogar in der Nacht, und mich nie gern dabei stören lassen. Heute natürlich weiß ich, daß dies alles auf einem Vorurteil, einem Wahn beruhte, bei dem ich hohe Gefahr lief, meine wahren Pflichten gegenüber dem Leben zu versäumen. Ich kann dem Geschick nicht dankbar genug sein, daß es mich davon erlöst hat.

Es fing damit an, daß ich ein Zettelchen benötigte. Durch Stempel und Amtsunterschrift sollte, ich weiß nicht mehr was, bestätigt werden. Also stand ich des Morgens zeitig auf und begab mich "dorthin", merkte aber gleich, daß derlei so einfach nicht war, wie ich es mir, vom Arbeitswahn noch umnebelt, vorgestellt hatte. Ich will nicht davon reden, daß ich gleich am Tor aufgehalten, hinter zwölf andern eingereiht, hernach streng betrachtet und ausgefragt wurde – denn das ist selbstverständlich und spart am Ende eine Menge Zeit. Schließlich bekam ich ja doch ein Papierchen mit Datum, Stunde, Woher und Wohin und allem, was dazu gehört, und durfte eintreten. Und Wiewohl es noch bei weitem nicht das richtige Zettelchen war, verschaffte mir doch bereits dieses jenen tiefen Anhauch seelischen Friedens, den zu suchen ich seither nimmer müde geworden bin. Denn wie nun der Torhüter mich an sich vorbeischlüpfen ließ (mit so einem kurzen Augenwink, als nehme er die Verantwortung in Gottes Namen halt auf sich) – wie hätte ich da nicht glücklich sein sollen, daß man mich hier nicht unmittelbar für einen Gauner zu halten schien, was in unsern Tagen schon etwas heißen will.

Das Zettelchen freilich erhielt ich an diesem Vormittag fürs erste nicht. Denn als ich schon nach einigen wenigen Stunden Wartens kurz vor zwölf Uhr drankam, eröffnete man mir, daß ich erst durch ein anderes Zettelchen nachweisen müsse, daß ich auch wirklich derjenige sei, der sich hier das Recht nehme, ein Zettelchen haben zu wollen. Auch der tiefgründigste Verstand konnte dagegen nichts vorbringen. Ich bedankte mich sehr, verwirrt lediglich durch die Tatsache, daß einem oft selber die einfachsten Dinge nicht einfallen wollen, bedankte mich und ging heim. Denn da in unserer großen zerstörten Stadt die Ämter sehr weit auseinander liegen, überdem am Nachmittag für unsereinen geschlossen sind, so mußte ich das Erlangen des Vorzettelchens auf den nächsten Vormittag verschieben.

Es war schönes Wetter damals; ich weiß es noch gut. Seither sind siebzehn und eine halbe Woche vergangen, schöne und häßliche, und ich kann nicht klagen. Ich habe nämlich bereits eine Unmenge Zettelchen erlangt. Ob mir gleich vom vielen Umherlaufen alles Fleisch von denRippen geschwunden ist, halten mich die Leute jetzt für einen Athleten: so geschwollen sind meine Brusttaschen beiderseits. Papierchen, Zettelchen, eins immer wertvoller als das andere! Ich versteh’ mich aber auch darauf, sie ins Spiel zu bringen; keiner übertrifft mich darin! Sagt mir jemand: da müssen Sie erst da und da hin; wir sind nicht zuständig, schon zieh ich etwas Gestempeltes heraus und halt es ihm unter die Nase. Und was immer er sich ausdenken mag, "War ich schon!", "Hab ich bereits!" kann ich auf alles erwidern.

Daß ich nach alledem das rechte Zettelchen heute noch immer nicht habe, könnte verwunderlich scheinen, zumal es an jenem lang zurückliegenden zweiten Vormittag kaum mehr nach Schwierigkeiten aussah. Ich hatte es einfach dem Beamten dort selbst gesagt, daß ich der und der sei; er hatte es aufgeschrieben, gestempelt, unterschrieben und mich eine unbedeutende Gebühr gegen Quittung erlegen lassen, und weil ich so gerührt davon war, fragte ich meinen Wohltäter, warum man mir nicht überall, gegen Bezahlung, einfach geglaubt hatte, kam ich nicht gut an, und ehe mir der Erzürnte das Quittierte wieder abnehmen konnte, empfahl ich mich schleunigst. Er mochte ja wirklich recht damit haben, daß wir in wer weiß was für ein Elend gerieten, wenn man plötzlich alle Zettelchen abschaffte. Weit besser, man schafft hie und da nur eins ab, führt aber zwei oder drei neue dafür ein, ändert unauffällig die Zuständigkeiten, damit die Betrüger mit der Zeit, die inzwischen rüstig fortschreitet, durchaus nicht Schritt halten können. Was mich betrifft, so bekam ich das ursprüngliche Zettelchen nicht nur deswegen nicht, sondern auch, weil ich alle benötigten Zettelchen besaß und zum Vorschein brachte. Das macht mißtrauisch, hat auch wirklich etwas Anmaßendes; ich habe es hernach wohl eingesehen. Denn wozu gibt es, frage ich Sie, überhaupt Behörden, Ämter, Stellen, Nebenstellen und Nebenstellen von Nebenstellen? Doch nur, weil die Menschen sich durchaus nicht allein helfen können! Und weil das immer ärger wird, so müssen schon aus Barmherzigkeit täglich neue zu unser aller Glück geschaffen werden.