Von Ludwig Benninghoff

Gerhart Hauptmann ist nicht mehr. Vier Tage nach der Verkündigung seiner Ausweisung starb der 84jährige Dichter. Der Größten einer ist der Erde entrissen. Einer, der sehr von dieser Erde war. Sosehr, daß er gleich einem Baum die Erde überwölbte mit seiner Krone. Die Wurzeln reichen bis zum Indus. Der Stamm mußte wachsen im Herzen Europas, im Riesengebirge, in Agnetendorf, in der Heimat. Seine Säfte nahm er aus den Tiefen der Zeiten bis hinab zu jenen Urtagen, als ein Gott aufbrach vom Osten, vom Aufgang, funkelnd im Strahl der Sonne, umflutet von goldgrünem Licht, vom Ganges, vom -Indus, den Flüssen des Paradieses: der Gott auf. dem Siegeswagen, den Panther im Rosenfell zogen, triefend von Trauben, den süßen Früchten aus Sonne und Erde, Dionysos, der Gewaltige. Zu Häupten des Gottes flog der Adler, zog über schimmernde Meere, schwang sich mächtigen Flügelschlages über die Barren der Gebirge und nistete auf dem Baume im Riesengebirge; der wuchs und wuchs mit der Kraft der Bäume aus Dunkel in Licht, unablässig, unerklärbar, natürlich und sagenhaft. Bis er den Tod der Bäume starb, ausgerottet aus seiner Erde, mit der großen, schweigenden Treue des Wuchshaften.

Dieser Tod endet ein Leben ohnegleichen. Indet? Wir wagen das Wort, trotz der Schauer vor dem Furchtbaren, trotz der Last des Schicksals, wir wagen es im tiefen Sinne.dieses zum Bildhaften Begnadeten: er krönte es. Der Tod krönte es, indem er sich selbst zum Bildner machte, der mit schweren Schlägen, mit lange zurückgehaltener, gestauter und entsetzlicher Wucht schnell und unerbittlich das große, lange Leben dieses einen, man möchte fast sagen Schicksallosen, bis zum letzten ausprägte zum Bilde des ungeheuerlichen Schicksals eines Volkes.

Denn der Tod Gerhart Hauptmanns hat, das spüren wir alle trotz Trauer und Druck, fast etwas Mythisches. Er ist wie ein Kunstwerk, ein Erama, vom Schicksal selbst mit harter Hand geschaffen, und wieder: er ist wie die Natur, indem er an dem berühmten Tragöden, diesem Fürsten im Reich des Dionysos, dasselbe Geschick vollzog, unter dem Tausende und aber Tausende in Elend und Tod wandern.

Was aber die gestaltlose Menge bildlos trifft, wird bei dem ihr Enthobenen großartiges, erschütterndes Bild wie die eherne Schlange in der Wüste des heimatlosen Volkes. Indem der eine, glückhaft Große dem allgemeinen Leiden unterworfen wird, lindert er alle Leiden. Kalte Bewunderung, gleichgültiger Unwille zahlloser Geplagter schlägt um in die Liebe zu dem großen Bruder des gleichen Schicksals und, was tausend einzelnen sinnloses Unglück schien, wird sinnvoll in seiner schauerlichen Größe an der Sichtbarkeit des einen.

So hat Gerhart Hauptmann, so ist Gerhart Hauptmann vollendet. Etwas über ihn sagen? So, um gleich das Geröll zu räumen, berufen wir die gängigsten, oft und gern gebrachten angeblichen Charakteristika von Schwächen Gerhart Hauptmanns, wohl wissend, daß auch dieser Große wie alle vom Weibe Geborenen unter das Christuswort des Evangeliums fällt, das einem Buch über Reinbrandt vorgesetzt ist: "Niemand ist gut als der lebendige Gott."

Da ist der erste Vorwurf: Gerhart Hauptmann war kein politischer Held, kein Bekenner und Märtyrer. Wir können leicht sagen: er teilte diesen Mangel mit Leonardo da Vinci, Michelangelo, Goethe, Beethoven. Es gibt andere Aufgaben. Man muß eine solche Haltung und Abwehr selbstverständlich nicht zum Ideal erklären und damit in den gegenteiligen Fehler verfallen. Leider haben unter Deutschen Politik gerade oft die Schlechten, Mittelmäßigen und Gewissenlosen gemacht. Oder die Menschen sind zu schwach. Schiller aber, seinem Volke als Inbegriff des Dichters allzu geläufig, hatte sicher die Dämonie zu einem Politiker von solchem Maß, daß dagegen ein Robespierre und Danton schrumpfen. Unter Deutschen blieb es bei der Dichtung, und diese ganze Dichtung ist eigentlich Mittel zu dem gigantischen Versuch einer demagogischen Überredung zu dem Höchsten und Besten, besiegelt durch die erschütternde Kraft, das eigene Leben zu formen und zu bändigen und somit abermals beispielhaft zu wirken. In diesem Sinn ist auch Gerhart Hauptmann, sofern dem Naturhaften die Bewußtheit eines Schiller lag, Kämpfer, Warner, Seher, Was er gezeigt hat, hätte vielmals genügt, die Deutschen zu bewahren. Wenn einige Tausend im Sinne und nach dem Beispiel eines Gerhart Hauptmann gewirkt, gelebt, gedacht hätten, so wäre ihm der Vorwurf der politischen Indifferenz und uns allen der Kampf, die Schande, der Untergang erspart geblieben.