Anläßlich der Uraufführung seines Bühnenstückes in München äußert sich Horst Lange zu seinem dramatischen Erstlingswerk.

In dem Tagebuch, das ich während vieler Marschpausen, irgendwo auf einem Munitionskasten hockend, und des Nachts, vor oder nach der Wache, an manchem zerschrammten und mit Kerben bedeckten russischen Bauerntisch geschrieben habe – in all den vielen Dörfern, wo wir zwischen Smolensk und den Vororten des unerreichbaren Moskau Rast machten, finden sich zwei Eintragungen, die den Kern für jene Vorstellung bilden, aus der später mein erstes Theaterstück entstand. Sie lauten:

Ostwärts Wjasma, 25. Oktober 1941

Bedenkliche Stimmung. Keine Lust zum Kriege mehr. Alle sprechen ganz offen davon; beim nächsten Angriff "stiften" zu gehen. Man kann sie nur noch mit Gewalt zusammenhalten...

In der Nähe von Klin, 100 km nordöstlich

Moskau, 26. November 1941

...Wir kommen in ein armes und verfallenes Dorf. Das Haus, in dem unsere Gruppe Quartier bezieht: groß, düster, mit einem alten Mann als einzigem Bewohner, krank, hustend, verhungert, nahe am Sterben. Die Bienenstöcke im Garten sind zerschlagen und geplündert, die vorige Einquartierung hat die Lampe mitgenommen, wir sitzen bei einem kleinen Öllicht in der Dämmerung, die alles verschwimmen läßt. Nachts, während der Wache, die Vision eines künftigen Theaterstücks, das unter solchen Bedingungen und in den gleichen Räumen spielt: zwei von den deutschen Soldaten sitzen, mit Gewehr und umgeschnallt, einander gegenüber und geraten, jeder für sich, in einen Traum, der das Irreale des Friedens meint. Die andern schlafen und sind in lauter Dumpfheit versunken. Der alte Mann schleicht umher wie ausgelöscht und tritt in den Traum mit ein. Die Vergangenheit (Glück und Unglück des gelebten Lebens, Photos von Frau und Tochter) und die Gegenwart (in den Figuren der beiden Soldaten) begegnen sich auf einer schmalen Stelle. Schnittpunkt der Zeiten und Kräfte...