Einem europäischen Reisenden wurde in Indien die Frage gestellt, worin er das allumfassendste Symbol abendländischer Kultur sähe. Er antwortete ohne Zögern: "In den Türmen!"

Und dasselbe könntest du entgegnen, Freund, wenn man dich nach dem tiefsten Ausdruck abendländischen Denkens und Schaffens im Gegensatz zur Antike, zum chinesischen Kulturkreis, zu Ägypten, zum Orient, zur Mayakultur, zu Amerika, zu allem, was einmal war oder um Europa ist, fragen würde.

Türme bestimmen das Gesicht der Siedlungen europäischer Menschen. Denke an dein Heimatdorf oder die Stadt deiner Kindheit, und du wirst finden, daß sich der Eindruck des Turmes am stärksten der Erinnerung eingeprägt hat. Aus dem ärmlichsten Dörfchen ragt ein Kirchturm heraus. Das Gewimmel profaner Gebäude in Ulm und Drontheim, in Beauvais und Sevilla schart sich um den himmelhoch strebenden Turm einer gotischen Kathedrale. Der Kampanile, Vorläufer späterer Turmbauten, redet seine massige Silhouette in den italienischen Himmel.

Gewiß, auch der Orient hat seine Minaretten. Doch wer denkt an sie, wenn er vom Morgenland spricht? Kuppeln sind es, die den Schattenriß nach oben begrenzen. Auch Pekings Himmelstempel, auch Ägyptens Pyramiden streben nach der Höhe, aber der Akzent ihrer Ausdrucksform liegt in der Weiträumigkeit, die der Erde verhaftet bleibt.

Nein, die Vertikale als Symbol ist dem Abendland vorbehalten – nicht nur im Turm als architektonischen Ausdruck, sondern ebenso im Geistigen. Der "faustische Drang" des europäischen Menschen sucht die "tiefsten Geheimnisse" des Daseins zu ergründen. Doch nenne mir den Unterschied zwischen tief und hoch! Der Lateiner hat für beide die gleiche Vokabel: altus bedeutet hoch und tief, je nach der Perspektive, aus der du es betrachtest.

Die abendländische Kultur ist ohne Türme – bauliche und ins Metaphysische transponierte – nicht denkbar. Doch was ist von unserer Kultur nach der Zerstörungswut der letzten Jahre noch geblieben? Und jetzt muß ich dir die Antwort geben, wegen der ich diese Zeilen schreibe: Türme!

Aus dem Grauen geschändeter Städte ragen Türme hervor, unbeschädigt oder als Fragment, aber immer doch – Türme! In dem Wirbelsturm, der noch über uns dahinbraust und falsche Götter von ihren Podesten reißt, der eine Umwertung so vieler Einschätzungen und Urteile bringt, haben die Größen und das Große eine neuerliche Bewährungsprobe zu bestehen. Doch den wahren Ecktürmen abendländischer Kultur und Geschichte, den wirklichen Philosophen und Dichtern, Staatsmännern und Bildhauern, Malern und Musikern wird dieser Sturm nichts anhaben können.

Türme schauen dich an mit dem abgeklärten Wissen vieler Jahrhunderte. Im ewigen Wechsel sind sie das Beständige und Trostspendende. Türme haben das eben Vergangene überdauert, das die Kultur des Abendlandes zu verschlingen drohte – und an Türmen wird sich das Neue und Zukunftsträchtige emporranken – wenn du nur an dieses Neue glaubst! B. R.