Die neue französische Nationalversammlung ist zusammengetreten. Ihre Zusammensetzung hat viele Fragen aufgeworfen. Wieso konnte im kleinbürgerlich-bäuerlichen Frankreich, das nur zwei Großstädte kennt, Paris und Marseille, und als fünftgrößte Nizza, die Kommunistische Partei stimmenmäßig weiter anwachsen und wieso konnte anderseits in diesem Land, dessen politisches Gesicht bisher durch die Aufklärungsphilosophie bestimmt war und das nie eine starke parteipolitisch-katholische Bewegung kannte; die MRP, die republikanische Volksbewegung oder sinngemäßer übersetzt: die Partei der fortschrittlichen Katholiken, in knapp zwei Jahren die stärkste Frankreichs werden? Wie berechtigt auch diese Fragen sind, so hat doch wohl anderseits noch nie ein französisches Wahlergebnis so sehr den soziologischen Begebenheiten entsprochen wie dieses. Klar treten die drei Säulen Frankreichs hervor: der Katholizismus des bäuerlichen und städtischen Mittelstandes, das laizistische Kleinbürgertum und der Radikalismus.

Frankreich ist soziologisch trotz einer steigenden Bedeutung der Großbetriebe bei einem zahlenmäßigen Gleichgewicht zwischen Industrie und Landwirtschaft (je 8 Millionen Beschäftigte) und einer relativen Vorrangstellung der Mittel- und Kleinbetriebe noch immer ein Bauern- und Rentnerland. Entscheidende Impulse kommen vom Lande, die Städte wohl keines westeuropäischen Staates machen einen so bäuerlichen Eindruck wie die französischen; so mutet Bordeaux außerhalb des Hafens wie ein großes Weindorf an. Frankreich machte die Entwicklung zum Hochkapitalismus nicht in demselben Ausmaße mit wie andere Länder. Die Ursachen sind mannigfaltiger Art: Knappheit an Kohle und anderen Rohstoffen, politische Fehlleitungen, Mangel an Kräften und vor allem, daß in diesem typisch katholischen Land Geist und Ethos des Kapitalismus, diese zum Teil religiös bedingte Haltung, die Arbeiten, Verdienen und Ansammeln von Reichtümern als eine Aufgabe Gottes hinstellt, zu wenig ausgeprägt sind.

In Frankreich müßte dank dieser Struktur der Wirtschaft der aristotelische Idealfall gegeben sein, daß eine breite Basis des ländlichen und städtischen Mittelstandes die bestmögliche Staatsform zulasse und somit das Land hinreichend gegen politische Entartungen geschützt sei. Dies war auch zeitweilig der Fall, wie um die Jahrhundertwende. Aber die Herausbildung solcher Formen wurde immer wieder durch das südländische Temperament der Franzosen und die Tradition der Revolution erschwert. Zusätzlich trat nach dem vorigen wie auch nach diesem Krieg eine Verarmung des Mittelstandes ein, so daß dieser radikalen Parolen zugänglicher war und zugleich an Stoßkraft einbüßte.

So gab es vor diesem Krieg weder eine typische Partei des Mittelstandes noch eine solche des Katholizisnus. Um die Belange des Mittelstandes bemühte sich vor allem die radikalsozialistische, die sich ideologisch als Fortsetzerin der Revolution betrachtet, aber weder radikal noch sozialistisch ist. Sie konnte zwar vor dem Krieg weite Kreise des Mittelstandes um sich scharen, hatte aber gegenüber den aktuellen Problemen so wenig zu sagen und war ideologisch so verarmt, daß sich der Mittelstand, insbesondere der bäuerliche und der katholische, abwandte, sich aber dabei zersplitterte, weil eine starke Partei des Mittelstandes fehlte. Diese ist jetzt in der MRP gegeben. Diese ist nicht nur eine Partei des Mittelstandes, sondern noch betonter eine katholische und verkörpert somit vor allem das katholische Gesicht Frankreichs. Dieses konnte in der Zeit der Vorherrschaft der Radikalsozialistischen Partei wohl zeitweilig etwas verdeckt werden, und es wurde nicht immer genügend gesehen, wie sehr die Mütter und Großmütter, die jetzt das Wahlrecht erlangt haben, mit ihrer katholischen Haltung nicht nur die Erziehung der Kinder, sondern auch die Einstellung der Männer bestimmen, wenn diese auch gern dem Vorbild von Voltaire nacheifern möchten. Jetzt hat die Säule des Katholizismus auch parteipolitisch ihre Vertretung gefunden. Anderseits zeigt der Erfolg der MRP, daß sich der Mittelstand von den radikalen Ideen, mit denen er zeitweilig so sehr liebäugelte, trotz einer weiteren Verarmung abgewandt hat und wieder auf die Werte des katholischen Frankreichs vertraut.

Der revolutionäre Elan, dieser Gegenpol des Katholizismus und des Mittelstandes, findet heute politisch seinen Niederschlag in der Kommunistischen Partei. Er hat in der Geschichte Frankreichs zwar zeitweilig zu empfindlichen Schreckensherrschaften geführt, wie zu den Religionskriegen und zu der Periode von Robespierre, aber nach der "großen" Revolution nur noch zu kleinen Revolten, teils, weil infolge des relativen Wohlstandes des Bauern-, Bürger- – und Kleinbürgertums sehr bald Gegenkräfte aufkamen, teils, weil auch der französische Arbeiter ein starkes Verlangen nach einer ruhigen und friedlichen Entwicklung hat, wie es sich vor allem nach den Revolten der Jahre 1934 und 1936 zeigte. Er folgt zwar gern schönklingenden revolutionären Parolen, verschließt sich aber nicht der Bedeutung des seit Heinrich IV. traditionell gewordenen sonntäglichen Huhns. Nur in Pariser Großbetrieben kommt zeitweilig dieser Elan noch zum Ausbruch, aber meist sind Fremdarbeiter die treibenden Kräfte. Auch die Kommunistische Partei als heutige Trägerin der revolutionären Tradition erkannte nach 1934 die Bedeutung dieser Momente und konnte sich somit als Vertreterin des Radikalismus auch in diesem kleinbürgerlichen und bäuerlichen Frankreich zu einer sehr starken; Partei entwickeln. Ihr weiteres Schicksal wird aber, wie schon In den letzten zwei Jahren, sehr stark durch die außenpolitische Entwicklung bestimmt werden.

Zwischen dem Mittelstand und den Kreisen des Katholizismus auf der einen Seite und den breiten Schichten der Arbeiterschaft und den Anhängern der revolutionären Tradition auf der andern steht das noch sehr stark von der Aufklärungsphilosophie beeinflußte Kleinbürgertum, das heißt das städtische und bäuerliche Kleinbürgertum im engeren Sinne des Wortes und der etwas besitzende Teil der Arbeiterschaft. Aus diesen Schichten rekrutiert sich die Sozialdemokratie, die anderseits, schon vor dem vorigen Krieg zu einer kleinbürgerlichen Partei geworden war. Auf entsprechende bittere Kritiken, so seitens Sorels, der als Literat die Tradition der Revolution in seinem Syndikalismus fortzuentwickeln versuchte, hat Jean Jaurès, der größte Kopf des französischen Sozialismus, geantwortet: "Unser Sozialismus ist französischen Ursprungs, französischer Eingebung und französischen Charakters", und dabei entscheidend eine Partei mitgeformt, die sich nie als Vollstreckern des Marxismus betrachtete, sondern im Sozialismus den Sieg des Gewissens und des Geistes, eine durch Ordnung, Schönheit, Freiheit und Güte gekennzeichnete Weltordnung sieht. Die Sozialdemokratische Partei wird bei dieser Haltung immer zählen können einmal auf die Arbeiter, deren revolutionärer Elan durch ihren kleinen Besitz und durch ihre Bauernschläue gehemmt ist, und zweitens auf die Bürgerlichen, die die Französische Revolution höher stellen als den Katholizismus, aber sie wird eher mit einem Schwinden als mit einem Anwachsen dieser Schichten rechnen müssen, zumal das Erbe der Französischen Revolution mehr beim Radikalismus der Kommunistischen Partei liegt. Sie ist die Partei des Kleinbürgertums, denn wie in vielen andern Ländern ist auch in Frankreich der Qualitätsarbeiter zum Kleinbürger geworden. Bei den letzten Wahlen wirkten sich zu Lasten der Sozialdemokratie noch speziell zwei Faktoren aus: einmal haben viele Bürgerliche, weil sie keine zugkräftige bürgerliche Partei sahen, in den ersten Wahlen nach diesem Krieg für die Sozialdemokraten als das kleinere Übel gestimmt, wozu nach den Erfolgen der MRP kaum noch Veranlassung besteht, zweitens sind die durch die neueste soziale und wirtschaftliche Entwicklung bitter enttäuschten Arbeiter heute für radikale Parolen sehr zugänglich.