Das, was v. Rohr-Demmin über die Vorteile einer Legalisierung des Schwarzen Marktes (Zuschrift an die "Zeit", veröffentlicht in der Ausgabe vom 6. Juni) ausführt, wird jedem wirtschaftlich Denkenden. "auf Anhieb" bestechend erscheinen. Leider sind die meisten Voraussetzungen, von denen die Zuschrift ausgeht, nicht gegeben.

Die Annahme, daß eine frei verfügbare Spanne zwischen der Zwangsumlage einerseits, dem Eigenbedarf der landwirtschaftlichen Betriebe (Selbstversorgerrationen plus Futter- und Saatgutkontingent) anderseits verbleibe, trifft für die lebenswichtigen Nahrungsgüter nicht mehr zu. Das war früher einmal so. Jetzt ist der Bauer verpflichtet – die "Zeit" hat darüber bereits berichtet –, bei fast allen Erzeugnissen alles-das abzuliefern, was über den ihm konzedierten Eigenbedarf hinausgeht. Es besteht zum Beispiel eine totale Ablieferungspflicht bei Brotgetreide, Speisekartoffeln, Milch usw. Und bei Vieh besteht, praktisch auf dasselbe hinausläuft, eine Angebotspflicht, wenn auch, der Form nach, das Umlageverfahren für Rinder (zum Teil auch für Schafe) weiter beibehalten ist.

Aber selbst, wenn man nun wieder zum "echten" Umlageverfahren zurückkehren und dem Landwirt den Verkauf der darüber hinaus produzierten Mengen am legalisierten Schwarzen (nun also "freien") Markt gestatten würde, so wäre damit für den Normalverbraucher wenig gewonnen. Der Schwarze Markt wird gespeist durch gestohlene und geraubte Ware, durch gestohlene, gefälschte, unterschlagene (und zum Teil auch vom Verbraucher eingesparte) Lebensmittelmarken, zu einem kleinen Teil auch durch Lebensmittel, die "aus zweiter Hand" kommen und ursprünglich beim Landwirt nicht gegen bares Geld, sondern durch "Tauschen" und "Kungeln" erworben worden sind: durch Hingabe von Tabak und Schnaps, von Leder, Zwirn und Seife, von Schmieröl, Nägeln, Draht Bindegarn, Werkholz, Fahrradschläuchen u. a. m. und schließlich durch handwerkliche Leistungen aller Art. Wenn man einmal von den Lebensmittelmengen absieht, die durch die Bauern – zu sehr unterschiedlichen Preisen übrigens, zum Teil sogar "um Christi willen" – an Hamsterfahrer und Bettler abgegeben werden und diese Art "Geschäfte" nicht als "schwarz" ansieht, so bleibt der Anteil der direkt vom Erzeuger gegen bar verkauften Ware an den Gesamtumsätzen des Schwarzmarkt- und Tauschhandels für Lebensmittel (und Lebensmittelmarken) recht gering. Es würden auch dann, wenn die "Schwarzen" Märkte legalisiert wären und sich damit zu "freien" Märkten wandelten, keine nennenswerten Mengen dort angeboten werden: dem Bauern liegt ja nichts an Bargeld, solange die Unsicherheit über die Zukunft unserer Währungsverhältnisse noch andauert. Er will Produktionsmittel, Konsumgüter, Genußmittel haben, mit einem Wort also: Waren. Dazu kann ihm kein "freier" Markt verhelfen, und deshalb kann auch der "freie" Markt dem Nur-Konsumenten, der nicht über "Edelvaluta" in irgendwelchen Waren verfügt, nicht zu einem Mehr an Lebensmitteln verhelfen. Das Ceterum censeo, daß die Währungsreform vordringlich ist, ergibt sich also auch hier, wie aus jeder wirklichkeitsnahen Betrachtung wirtschaftlicher Zusammenhänge heute.

Ein paar Einzelheiten sind noch nachzutragen. Daß der freie Markt "mit Vorrang" für jene Produkte zugelassen werden soll, "bei denen die Marktordnung schon heute weitgehend versagt", klingt ausgezeichnet; in praxi würde so aber doch nur eine Pulvermine gelegt, die eines Tages die gesamte Marktordnung in die Luft sprengen müßte. Eine weitere Folge wäre, daß die Verfütterung von Getreide, das wir heute dringend zur Herstellung von Brot und Nährmitteln brauchen, erheblich zunehmen würde, wenn man zum Beispiel Eier und Geflügel für den Verkauf freigibt und der Bauer sich aus der Verwertung des Getreides im Geflügelhof einen höheren Nutzen herausrechnet als bei der Abgabe der von ihm geforderten Umlage (und der darüber hinaus von ihm geforderten Zusatzmengen aus seiner Reserve). Das russische Beispiel schließlich, "zieht" auch nicht mehr, da in der sowjetischen Besatzungszone, wie die "Zeit" bereits berichtet hat, die sogenannten freien Märkte verschwinden werden. Neuere Erlasse besagen nämlich, daß die über die Umlage hinaus beim Bauern verfüglichen Mengen von den landwirtschaftlichen Genossenschaften zu erfassen und an die Konsumgenossenschaften und Werkkantinen weiterzuleiten sind, damit sie gewissen bevorzugten Verbraucherkategorien zugute kommen.

Es ist also – man kann nur sagen leider – so, daß sich den Vorschlägen v. Rohrs, ein "Non liquet" entgegenstellt und daß vorerst keine Lockerung der Zwangsbewirtschaftung in Aussicht steht, sondem eher eine Verschärfung durch eine immer weitergehende Verfeinerung der Erfassungsmethoden. Daß dieser Modus procedendi immer problematischer wird, weil die "kleine Korruption" bei den mit der Erfassung und Weiterleitung der Produktion und mit der Kontrolle der Bewirtschaftungsmaßnahmen betrauten Menschen pari passu mit dem Hunger wächst, ist eine Tatsache, vor der keiner der Verantwortlichen die Augen verschließen sollte. Um so dringlicher ist, daß es, spätestens mit der neuen Ernte, zu den ersten einschneidenden Maßnahmen auf dem Währungsgebiet kommt. Georg Kessel