Für die stetige Konsolidierung der britischen Arbeiterpartei hat der Jahreskongreß in Bournemouth einen neuen Beweis erbracht. Machtverlagerungen innerhalb der Partei oder Verschiebungen unter ihren führenden Persönlichkeiten, die früher nicht selten waren, sind nicht mehr festzustellen. Zwar ist ein Wechsel auf dem Posten des Ernährungsministers eingetreten, doch kann die Wiederwahl des bisherigen Parteivorstandes durch den Jahreskongreß als Beweis dafür gelten, daß die Partei mit ihren Führern einverstanden ist. Es sind keine Anzeichen dafür vorhanden, daß es innerhalb der Arbeiterpartei eine wesentliche Opposition gibt, die den offiziellen Kurs nicht in allen entscheidenden Einzelheiten bejaht. Eine solche Opposition ist in früheren Zeiten fast immer vorhanden gewesen, wobei der lockere Aufbau der Labour-Partei von dem breiten Fundament der Gewerkschaften bis hinauf zu der Dachorganisation der eigentlichen politischen Einrichtungen dem individualistischen Hang des Engländers und dem Austrag gegensätzlicher Meinungen entgegenkommt. Die Jahreskonferenz in Bournemouth, die das oberste Organ der Partei darstellt und in der die Vertreter aller individuellen und angeschlossenen Mitglieder zu Wort kommen, war deshalb auch stets eine lebhafte Angelegenheit. Auch diesmal hat es heftige Diskussionen gegeben, insbesondere um die außenpolitische Linie Ernest Bevins, die aber damit endeten, daß die die Außenpolitik der Regierung kritisierende Resolution zurückgezogen wurde.

Wenn die verschiedenen Strömungen in den Betrieben, Gewerkschaften und lokalen Parteiorganisationen, die im Jahreskongreß ihr Ventil finden, angesichts des Parteiaufbaus eine Selbstverständlichkeit sind, so ist an die parlamentarische Opposition innerhalb der Labour-Partei schon ein anderer Maßstab anzulegen. Diese parlamentarische Opposition gibt es heute in ihrer alten Form nicht mehr, und an ihre Auferstehung ist auch nicht zu denken, seitdem die Opposition gegen Bevin zerschmettert ist und sich der naturgegebene Gegensatz zwischen Gemäßigten und Radikalen in der Frage der Sozialisierung weitgehend abgeschliffen hat, weil .man ohne eine gefährliche Desorganisation der Wirtschaft nicht schneller, und stärker sozialisieren kann als bisher.

Das unverminderte Vertrauen in die Regierung der Arbeiterpartei hat die "Times" dieser Tage zu der sorgenvollen Feststellung veranlaßt, daß die Labour-Partei sich mehr zu beglückwünschen als zu kritisieren scheine, und daß die Stimmung im Parlament und in der Partei selbst die Minister dazu verleite, ihre Politik mehr auf Wahlstimmen als auf Argumente abzustellen. Es mag für diese Befürchtungen sprechen, wenn ein Schweizer Korrespondent aus London berichtet, daß das vor einem halben Jahr noch regelmäßig überfüllte Unterhaus heute manchmal nur noch ein Dutzend Abgeordnete versammelt und es Unzulänglichkeiten in Angelegenheiten wie der Wiedereinführung der Prügelstrafe in Westindien und anderen Verwaltungsübergriffen, die die Oppositionsparteien zum Gegenstand von Interpellationen zu machen pflegen, fast widerspruchslos hinnimmt, um dem Minister-Parteigenossen nicht unangenehm zu werden.

Es wäre falsch, in dem geschlossenen Block der Labourabgeordneten bedingungslose "yes-men" zu sehen. Die jetzt erreichte Einheit der britischen Arbeiterpartei ist vielmehr die Konsequenz aus der seit den Wahlen unveränderten Haltung des Volkes zur Labourregierung und ihren Führern. Es gibt auch jetzt noch innerhalb der parlamentarischen Gruppe der Arbeiterpartei eine Reihe von Persönlichkeiten, die als Fragesteller oder Zwischenrufer gegen den Strom schwimmen. Sie stellen aber längst keine "Labour-Opposition" mehr dar. Zu diesen Einzelgängern gehören "geheime Kommunisten" und außenpolitische Lärmmacher, erfolglose Postenjäger und Leute, die ihr "hobby" auch im Parlament reiten wollen. Die Namen der Abgeordneten Zilliacus, eines früheren Völkerbundssekretärs und Zensors im Informationsministerium während des Krieges, der die "konservative Machtpolitik" Bevins bei jeder Gelegenheit angreift, und Francis Noes Bakers, des Sohnes des Staatsministers, haben auch auf einigen Resolutionen des diesjährigen Kongresses von Bournemouth gestanden. Auch der hervorragende Journalist Thomas Driberg, der früher als Unabhängiger kandidierte und sich heute besonders stark für die indonesischen Nationalisten einsetzt, gehört dazu. Aber diese kleine Gruppe, ist ohne jeden Einfluß und ohne praktische Bedeutung. Der Labourblock ist eine Tatsache. H.