Das Gebiet zwischen Aachen und dem Rhein hat alle Schrecken des Krieges erlebt. Die lange dauernde Isolierung vom rechtsrheinischen Gebiet hat den Wiederaufbau stärker gehemmt, als ihn die Kräfte der alliierten Militärregierung fördern konnten.

Die verkehrsmäßige Abschnürung Aachens vom übrigen Rheinland – sei? dem 15. Mai gibt es erst wiede eine direkte Bahnverbindung zwischen Köln und Aachen über Horrem, Düren, Stolberg – hat bewirkt, daß die zerstörte Stadt und ihre Industrie über die Aufräumungsarbeiten noch nicht sehr weit hinausgekommen sind Das Heranschaffen von Baustoffen von Rhein und Ruhr war zu schwierig. So sind im Augenblick meist nur die Industriewerke wieder beschäftigt, die durch die Kriegseinwirkungen verhältnismäßig wenig gelitten haben.

Das zeigt sich besonders deutlich in der Nadelindustrie. Von den vielen Betrieben dieses Industriezveiges konnte erst ein einziges Unternehmen, die Metallwarengesellschaft mbH., die Herstellung von Nadeln wieder aufnehmen. Das Unternehmen, augenblicklich das einzige dieser Art in den Westzonen, stellt vor allem Nähnadeln für den Haushalt, für Schuh- und Textilmaschinen her. Die Produktion ist freilich nur zu rund 20 v. H. für private deutsche Verbraucher bestimmt; sie kann somit den großen deutschen Bedarf nicht befriedigen. Die übrigen 80 v. H. der Produktion dieses Werkes bleibet der Militärregierung vorbehalten. Die Herstellung dieses wichtigen Erzeugnisses geschieht unter den schweren Verhältnissen, die eine zerstörte Stadt bietet: es fehlt an Facharbeitern, es fehlte monatelang an Gas, an dessen Stelle Strom benutzt werden mußte, mit dem zu arbeiten die Arbeier sich erst vertraut machen mußten. Das Werk arbeitet aber jetzt wieder mit rund 50 v. H. seiner früheren Belegschaftsstärke bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 42 1/2 Stunden, zu welcher Herabsetzung nicht zuletzt die ungenügende Ernährung bewogen hat. Die Gestehungskosten sind durch die nur partielle Ausnutzung der Maschinen wesentlich höher als früher.

Auch in den textilindustriellen. Aufbau des Aachener Wirtschaftsraumes haben die Kriegsereignisse tief eingegriffen und manchen Stein herausgerissen, der dem Gebäude die frühere Festigkeit gab. Da ist vor allem die Rohstoffversorgung, die auf noch vorhandene Lumpenbestände angewiesen ist, als denen in einem Werk, der Reißwollfabrik Scheibler in Monschau, Reißwolle gewonnen wird. Die Spinnereien haben durch den Krieg einen wesentlichen Teil ihrer Spindeln eingebüßt, so daß die Spinnkapazität selbst im Verhältnis zu den noch vorhandenen Webstühlen viel zu klein ist. Und Garne aus andern Gebieten – Werke der heutigen russischen Zone waren vornehmlich die Lieferanten besten Kammgarns – konnten bisher nicht herangeschafft werden. Von den früher vorhandenen 4000 Webstühlen sind heute nur noch 35 v. H. einsatzfähig, von denen wieder nur 30 v. H. in Betrieb sind, weil es an Garn und Kohle fehlt. Die größten Schwierigkeiten bereitet infolge des Kohlenmangels die Appretur der Rohware. Nur eine einzige Appretur hat bisher den Betrieb aufgenommen.

Trotz der großen Schwierigkeiten lassen die Männer der Aachener Wirtschaft den Mut nicht sinken und bauen auf, soweit die Selbsthilfe ihnen das möglich macht. Ihre große Hoffnung gilt dem Export, der ihnen – die sie über die Grenzen hinweg in zwei Länder sehen können, wo die Wirtschaft schon wieder aufzublühen beginnt, zum Teil auf hohen Touren läuft und doch den Bedarf jener Länder nicht zu decken vermag – ein Ausweg aus manchen Schwierigkeiten sein könnte. Sie blicken auch nach den deutschen Nordseehäfen, von wo die Rohstoffe kommen sollen, die gewinnbringende Beschäftigung verheißen. Die Einrichtungen der Webereien sind in der Lage, hochwertigste Tuche, die Spezialität Aachens, oder auch heute übliche Stapelware herzustellen, wenn die entsprechenden Rohstoffe dazu, geliefert werden. Die Männer der Wirtschaft Aachens, die Chefs, die Arbeiter und Angestellten hoffen, daß sie bald auf diese Weise dazu beitragen können, ’unser Landvon der Kohlenkette zu befreien, an der wir augenblicklich exportmäßig liegen, um zu helfen, durch hochwertige Arbeit die Einfuhr von Lebensmitteln zu ermöglichen. H. R.

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