Einem armen Menschen, und genau so einem armen Volke, ist es deswegen so schwer, zu einem auch nur bescheidenen Wohlstand zu kommen (oder zurückzufinden), weil der Arme unter der wirtschaftlichen Diktatur der Knappheit steht: er kann weder als Nachfragender noch als Anbietender die günstige Gelegenheit abwarten, sondern muß zugreifen, sobald ihm Ware oder Absatz- und Arbeitsmöglichkeit geboten wird. Das englische Wort, daß Bettler nicht wählerisch sein dürfen, ist uns ja allen bekannt.

Die Frage ist nur, ob sich eine verarmte Wirtschaft damit abfinden soll, daß sie in Nachfrage und Angebot an letzter Stelle rangiert, ob sie insbesondere, die Tatsache gleichsam als naturgesetzlich hinnehmen soll, daß ihr der Zugang zu Qualitätserzeugnissen ebenso wie die Produktion qualitativ hochwertiger Ware weitgehend versagt ist. "Als armes Volk", so lautet die Sentenz, die man in allen möglichen Abwandlungen heute hören kann, "müssen wir mit geringwertigen Qualitäten für den Eigenverbrauch zufrieden sein."

Mit demselben und mit noch größerem Recht kann man den gegenteiligen Standpunkt vertreten. Nämlich: daß ja der verhängnisvolle Zirkel, wonach der Arme zu einem besonders "aufwendigen" Wirtschaften verdammt ist, bei dem er geringwertige Qualitäten relativ teuer zu bezahlen hat, möglichst durchbrochen werden muß, um den Anschluß an hoher organisierte Wirtschaftsformen wieder zu gewinnen und so der chronischen Verarmung zu entgehen. Es wäre also gerade in unserer Lage zu fordern, daß das "Qualitätsdenken" überall gefördert wird – schon allein deshalb, weil ja nur auf der Basis einer hochwertigen Inlandserzeugung eine Exportwirtschaft von Qualitätsprodukten nachhaltig aufzubauen ist. Ganz abgesehen von sozialen Erwägungen, wonach die Arbeiterschaft – die ja identisch mit der Masse der Konsumentenschaft ist – nicht mit Schund ("billig und schlecht") versorgt werden sollte, gilt ja auch, daß auf lange Sicht gesehen die Erzeugung von hochwertiger Ware nur da zu betreiben ist, wo sich der Sinn für Qualität in der Arbeiterschaft lebendig erhalten hat.

Gerade weil im ganzen weniger erzeugt werden kann und – unter dem Diktat des sogenannten Industrieplans – erzeugt werden darf, sollte dies Wenige so gut, solide, dauerhaft und hochwertig sein wie nur irgend möglich. Denn wenn der Verbraucher im Jahr nur ein Hemd zugebilligt erhält, beispielsweise, ist ihm mit einem durablen Stück, das nach 200-Wochen-Wäschen noch brauchbar ist, mehr gedient, als mit einem billigen, das nur ein viertel soviel kostet, aber nach eniem halben Jahr völlig verschlissen in den Flickkorb wandern muß. Sicherlich werden derartige Überlegungen nun eine Rolle spielen, wenn mit dem zweiten und dritten "Spartaplan" die gesamte Produktionsplanung mehr und mehr zur innerdeutschen Angelegenheit wird. Natürlich wird für eine gar nicht knapp besessene Übergangszeit vielfach zu Aushilfen in der Produktion gegriffen werden müssen; jedenfalls ist es besser, dies als überhaupt nichts zu tun. Aber dann sollte die "Ersatz"ware auch ehrlich als das bezeichnet werden, was sie ist; man sollte klipp und klar sagen: das ist ein Notbehelf, dies ist Aushilfsproduktion – und sollte keinem erlauben, Qualitätsschwindel zu betreiben. Den Gewerkschaften wird in diesem Zusammenhang jedenfalls eine wichtige Aufgabe zu ihren eigentlichen Funktionen zuwachsen. Sie werden das "Qualitätsdenken" zugemein, besonders aber in der industriellen Fertigung, zu fördern und zu bewahren haben, wie übrigens auch in ihrem unmittelbaren Wirkungsbereich die Organisationen des Handwerks.

E. T.