Zwei Arten von Presseleuten sind es vornehmlich, die regelmäßig vor den Zeitungsleser hintreten: die einen nehmen zu den Ereignissen das Wort, legen die Wurzeln der Geschehnisse frei, erläutern Zusammenhänge, helfen zur Meinungsbildung, sie sind die Leitartikler, die Kritiker jeglicher Sparte, von der Politik bis zur Kunst; die anderen aber dienen der Nachricht, sie berichten, sie schilfern, was sie gesehen, gehört, erlebt haben, das Wer die Reporter.

Das schönste Buch, das ein Reporter je geschrieben hat, heißt "Ich fand keinen Frieden" und Stammt von Web Miller, dem großen amerikanischen Berichterstatter, der sein Leben als Zuschauer zukunftsträchtiger Ereignisse verbracht und dabei reichlich Gelegenheit hatte, festzustellen, daß es zu aller Zeit mehr Blut und Tränen im irdischen Dasein gibt als Glück und Frieden. Abends, vorm Einschlafen, irgendwo in einem fremden, wenig anheimelnden Hotelzimmer, liebte er es, in den "Confessiones" des Augustinus zu lesen. Dort fand er die Stille, die Güte, die Weisheit, die Wahrheit, kurz, alles das, was im Erlebnis des Tages so selten, leiten anzutreffen war. Dort fand er die Kraft, die ihn immer wieder in einem Vorsatz bestärkte, der stets eine einfache, selbstverständliche Berufspflicht für ihn und seinesgleichen war: die Pflicht zur Objektivität. Die Pflicht, stets mitzuleben und dann zurückzutreten, um den Bericht sprechen zu lassen, nur den Bericht!

Web Miller erzählt allerdings Beispiele, in denen Reporter sich geirrt haben. So beschrieb ein amerikanischer Kollege, der gemeinsam mit Miller an einer Zeppelinfahrt nach Amerika teilnahm, die erste Messe, die jemals in einem Luftschiff und jemals in der Luft gelesen wurde. Er schilderte den Priester am improvisierten Altar, den Pater Schulte, und schilderte auch das fromme Flackern der Kerzen. Und eben darin lag sein Irrtum, denn es war gerade ein Merkmal dieser Messe in der Luft, daß wegen der Explosionsgefahr keine Kerzen angezündet werden durften. Wer die Gefahr der Selbsttäuschung kennt, die bei Zeugen vor Gericht immer wieder beobachtet werden kann, wird eine solche Täuschung gelegentlich auch einmal einem Reporter verzeihen, immerhin doch einem Manne, der sich dazu erzogen hat, die Ereignisse klar zu sehen und das Gesehene ohne Erregung, wenn auch nicht ohne Temperament, darzustellen.

Hier nun kommen wir an einen Punkt, der deutlich macht, warum diese Zeilen geschrieben werden: Der Berichterstatter, der Wert darauf legt, ein anständiger Reporter zu sein, erkennt nur eine Gefahr an: die Gefahr der Selbsttäuschung beim Vorgang des Sehens, Hörens, Erlebens. Dies ist die einzige Gefahr für jene Objektivität, zu der ihn seine spezielle Aufgabe verpflichtet. Andere Gefahren, etwa die, daß er aus richtigen Beobachtungen falsche Schlüsse ziehen oder daß er sich in seinen persönlichen Ansichten irren könnte, diese Gefahren kennt er nicht, denn es ist gar nicht sein Amt, Schlüsse zu ziehen, und persönliche Ansichten darzutun. Im Gegenteil, daß er mit alledem nichts zu tun hat, darin gerade liegt seine Stärke, Er liefert das Abbild der Wirklichkeit und überläßt es dem Leser, sich daraus eine Meinung zu bilden. Dem Leitartikler und den Kritikern aber überläßt er es, dem Leser bei der Meinungsbildung zu helfen. Dafür sind jene da. Er ist nur der Reporter.

"Nur" der Reporter? Wer sich an Web Miller erinnert, an Knickerbocker, an Kisch, an Alfons Paquet, an vieles, was Tucholsky tendenzlos als Reporter schrieb, der wird verstehen, daß es unter der "guten alten Reportergilde" stets so etwas wie Stolz auf jene Objektivität und Selbstentäußerung gegeben hat, Eigenschaften, die gerade einen Mann wie Web Miller so sehr ausgezeichnet haben. Es wäre jedoch kein Grund vorhanden, davon zu sprechen, wenn sich heute nicht dann und wann zeigte, daß die Objektivität des Berichterstatters einiges frohe Erstaunen, ja manchmal auch einiges Befremden erregte.

Offenbar hat die teuflische Praxis des "Dritten Reiches", das die Journalisten durch ein "Propagandaministerium" und dann auch die Kriegsberichterstatter durch "Propaganda-Kompanien" nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zu organisieren trachtete, immer noch gewisse späte Auswirkungen in diese unsere heutigen Tage hinein, insoweit nämlich, als viele Leser immer noch im Bericht des Reporters den heimlichen Wunsch nach Meinungsbeeinflussung sehen oder Witten. "Warum haben Sie das geschrieben? Sind Sie der Ansicht, daß ...", so fragen sie in Briefen. Oder: "Warum wählten Sie gerade dieses Thema? Was wollen Sie damit erreichen?" Darauf nun hat der Reporter nichts zu erwidern als: "Das Thema war aktuell, bot ein Stück Leben aus dieser Zeit, bat Lesestoff für den Leser. Sonst nichts!"

Freilich, der Reporter meint, daß es zeitweilig gar nicht so leicht ist, objektiv zu sein und objektiv zu bleiben, weshalb es zeitweilig auch verflucht wenig richtige Reporter – und dies gerade in Deutschland – gibt. Er meint ferner, daß unsere Zeitungen stets darauf achten sollten, Nachrichten und Berichte von den Kommentaren und Erläuterungen zu trennen und hübsch auseinanderzuhalten: ‚Dies ist geschehen; dies geschieht!‘ (gleichgültig, ob das Geschehnis in den Kram paßt und bequem für die jeweilige Weltanschauung ist oder nicht) und: ,Dies meinen wir dazu; dies ist unsere Ansicht!" Der Reporter meint schließlich, daß die Leser es sich nun abgewöhnen sollten, stets und ständig bloß zwischen den Zeilen zu lesen, und daß sie im Beitrag des Berichterstatters, genannt Reportage, nichts als ein möglichst objektives, möglichst wahres Bild des Lebens sehen sollten. Über das Leben nachzudenken, dies allerdings ist heute wie stets ein lohnendes Ding, und sei es nur, daß man darauf kommt, gern in den "Confessiones" des Augustinus zu lesen. Jan Molitor