Ungewohnte Dinge zu sehen erregt zunächst Befremden. Wir, die wir gewohnt sind, in drei Dimensionen zu leben, werden unsicher, wenn sich dieser Rahmen löst. Der deutsche Film "Münchhausen", der spielerisch den Versuch machte, ins Unwirkliche vorzustoßen, ist von vielen damaligen Zuschauern eben deshalb abgelehnt worden. Das Publikum, das den jetzt im Waterloo-Kino, Hamburg, gezeigten hervorragenden englischen Film "Traum ohne Ende" sieht, traut sich an mancher humorvollen Stelle nicht zu lachen und lächelt in manchen unpassenden Augenblicken aus innerer Unsicherheit. Denn wir in Deutschland, wo zwölf Jahre hindurch moderne Kunstentwicklungen nicht "stattfanden", hatten uns in unserer materialistischen Umwelt daran gewöhnt, auch privat manchen Gedanken nicht zu denken und Gefühle nicht zu fühlen. Die sensitive Empfindungswelt drohte im Materialismus unterzugehen. An die Verbindungswege zur jenseitigen Welt wurde von Amts wegen ein Schild gestellt: "Betreten verboten!" Es spukte bei uns nicht einmal zum Spaß.

Deshalb überrascht der "Traum ohne Ende", ein Titel übrigens, der wörtlich zu nehmen ist. Es gehört Mut dazu, wenn man diesen rotierenden Film, der in bunten Episoden aus dem festgefügten Rahmen des Wahrnehmbaren in Traumwelt, Illusionen, Übersinnliches vorstößt, bejaht, der Mut, sich lächerlich zu machen mit der Erwägung, daß es mehr Dinge gibt zwischen Himmel und Erde... Der Mut auch zu einer modernen filmischen Entwicklung, die durch die Ausschöpfung der filmischen Möglichkeiten, der Illusion, dem Film nun wirklich gibt, was des Filmes ist.

Vier Autoren von Rang: H. W. Wells, Benson, John Baines und McPhall, und vier Regisseure bemühen sich für diese interessante psychoanalytische Studie, eine Gespensterrevue, wenn man will, ermöglicht durch Wahrträume, Bewußtseinsstörungen, Halluzinationen, Spaltung des Ichs, Hellsehen, Okkultismus, Utopie. Es ist dennoch kein eigentlicher Gruselfilm mit düsteren Kulissen, heulenden Winden und unheimlichen Schatten. Der einheitlich durchgeführte surrealistische Stil, die psychoanalytische Betrachtung hebt den Film auf ein Niveau, das das Interesse und die Teilnahme wachruft, weil es Ausdruck unserer modernen, nervösen, zerrütteten Entwicklung ist. Die Personen der Rahmenhandlung sind reale Menschen von heute, allerdings ist es dramaturgisch nicht sehr glücklich, wenngleich eine naheliegende Lösung, daß diese Rahmenhandlung eben eigentlich keine Handlung ist, sondern hier nacheinander Figuren an die Rampe treten und ihre Geschichte aufsagen. Zwischen den vielen Einblendungen, den Träumen im Traum und Einschachtelungen der erzählenden Bilder und Visionen findet der Zuschauer schwer den Faden, das Mitgehen wird ihm erschwert, und so fällt er manchmal unversehens aus der Illusion.

Darstellerisch aber ist jede der Figuren so sicher und echt charakterisiert, photographisch ist mit solcher Raffinesse und Delikatesse gearbeitet worden, die Regieeinfälle sind durch das große Aufgebot so vielseitig, so herrlich und überraschend, der Humor ist, besonders in der Golf-Story von Wells, so herzhaft und versöhnlich, daß man sich ehrlich freut über zwei Stunden nachdenklicher Unterhaltung. Erika Müller