Von J. Brune

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in der Lage eines Mannes, dessen Haus von einem Wirbelsturm zerstört wurde. Noch halb betäubt steht er auf dem Schauplatz des Unheils und betrachtet die Reste, die ihm geblieben sind. Wenn er einige Zeit mit Jammern und Klagen zugebracht hat, sieht er plötzlich, daß zwischen Brocken, Splittern und Scherben ein unversehrter Gegenstand herausragt – etwa ein Ofen. Den könnte man noch brauchen, denkt er und sieht im Geiste schon ein neues Haus, in dem der Ofen wieder Wärme spenden könnte. "Vielleicht ist noch mehr ganz geblieben." Und er fängt an, im Schutt zu wühlen und in den Ruinen zu suchen. Nach und nach findet er eine ganze Menge brauchbarer Dinge, nicht alle unversehrt, aber doch noch verwendbar.

Die deutsche Wirtschaft hat einen Wirbelsturm hinter sich, der ohne Beispiel ist. Ihre Trümmerbilanz ist niederschmetternd, und ihre Träume von einem neuen, wohnlichen Haus finden vorläufig nicht die geringste Stütze in der Wirklichkeit. Aber der kleine, bescheidene Aktivposten, der sich aus einer sorgfältigen Inspektion des vorhandenen Chaos ergibt, ist auch für sie tatsächlich da.

Die von der britischen Militärregierung zu Erfassungszwecken eingerichteten "Salvage-Depots", Bergungslager, sind die ersten groben Sammelstellen für diese Dinge. Meist auf ehemaligen Flugplätzen oder an ähnlichen Punkten angelegt, geben diese Depots einen Überblick über das Vorhandene, der dem zuständigen Landeswirtschaftsamt mitgeteilt wird. Dieses führt dann Interessenten aus der Wirtschaft an das einstige Heeresgut heran, wobei die sachliche Rechtfertigung des Bedarfs nach strengen Maßstäben geprüft und die Verwendung kontrolliert werden soll.

Ein besonders interessanter Ausschnitt aus dieser Nutzbarmachung von militärischen Trümmern ist die Fernmelde- und Nachrichtentechnik. Material dieser Art ist, wie leicht zu erraten, in großen Mengen erhalten geblieben; selbst aus Wracks von Fahrzeugen aller Art läßt es sich häufig noch mit Erfolg ausbauen. Reichsbahn und Post haben dringenden und umfangreichen Bedarf auf diesem Gebiet; deshalb werden ihnen in erster Linie die ausgebauten Apparaturen überwiesen, um unter den Händen von Spezialtechnikern in neuer Gestalt eine nützliche Wiedergeburt zu erleben. Ein Teil des aus den Salvage-Depots hervorgehenden Fernmelde- und Nachrichtenmaterials wird aber einem Zweck zugeführt, der das Verbraucherpublikum unmittelbar angeht. Eine Fabrik in Hannover ist damit beschäftigt, das ihr überwiesene, für die Rundfunkindustrie geeignete Gerät zu sortieren, zu zerlegen und für die Wiederverwendung so weit vorzubereiten, daß die beiden ehemals in Berlin beheimateten Rundfunkhersteller Telefunken und Blaupunkt, die gegenwärtig in ihren ehemaligen Kriegsausweichbetrieben in Holzminden und Hildesheim arbeiten, laufend einen Serienempfänger herstellen können. Es ist ein verbesserter Volksempfänger, ein Vier – Röhren – Einkreiser, dessen Qualität gelobt wird und der über die Landeswirtschaftsämter auf Bezugschein an den Facheinzelhandel geleitet wird. Der Vorbereitungsbetrieb in Hannover ist im Rahmen dieser Ausschlachteaktion so überlastet, daß neuerdings zwei westdeutsche Fabriken als Zuarbeiter in Anspruch genommen werden, was sich auch aus Transportgründen insofern als ein Vorteil erweist, als nun das in Westdeutschland in den Salvage-Depots anfallende Material keinen so weiten Weg hat und nur das weit weniger Raum beanspruchende Halbfabrikat nach Hannover reist. Auch Lautsprecher für Bahnhöfe und sonstige öffentliche Zwecke sowie die bekanntich sehr knappen Fernsprechapparate fallen bei dieser Aktion in nicht unbeträchtlichen Mengen ab. Wissenswert ist, daß allgemein der die nackten Bearbeitungskosten übersteigende Teil des Endverkaufspreises an die Militärregierung gezahlt wird, die ihn auf Reparationskonto verrechnet.

Die Ausschlachtung der Bombentrümmer in den Städten geschieht üblicherweise durch Abbruchbetriebe im Auftrage der betreffenden Stadtverwaltung, wobei gewöhnlich nach einem gewissen Plan vorgegangen, d. h. ein Straßenviertel nach dem andern vorgenommen wird. Der Altmaterialhandel übernimmt die Sortierung in Brauchbares und reinen Abfall und trennt das Brauchbare wieder nach Rohstoffen, insbesondere Metallsorten, so daß es durch die normalen Kanäle der Altmaterialverwertung in die einschlägigen Industriebetriebe gelangen kann.

Der reguläre, aus Friedenszeiten überkommene Handel ist es auch, der die Erfassung des beträchtlichen Schrottanfalls durchführt, den Luft- und Erdkrieg in Gestalt von zerstörten Gegenständen aus Eisen, Stahl und anderen Metallen auf dem Boden der britischen Zone hinterlassen haben. Jedenfalls ist dies die amtlich angestrebte Entwicklung, der allerdings bisher die Praxis nicht immer gefolgt ist. Es hat sich die Gewohnheit herausgebildet, daß jeder Lieferant, von Artikeln aus Metall von seinen Kunden sozusagen einen Schrottvorschuß verlangte, ehe er an die Lieferung heranging. Das von der Schallplattenindustrie im Kriege eingeführte Prinzip, neue Schallplatten nur gegen Ablieferung einer materialmäßig gleichwertigen alten zu verkaufen, hat sich also als allgemeines Geschäftsprinzip ausgebreitet. Diese Art von Kompensationsgeschäft wird aber von den amtlichen Stellen als unerwünscht betrachtet und wurde zunächst den Händlern verboten. Auch die Fabrikanten selbst, die als Rohstoffbedarfsträger seit April in den Verwaltungsämtern "Eisen und Stahl"’ und "Nichteisenmetalle" – im gewissen Sinne Erben der ehemaligen Reichsstellen – zusammengefaßt sind, sollen von nun an das "wilde" Schrottgeschäft zugunsten einer geregelten und auf Dringlichkeit abgestellten Verteilung des vorhandenen Altmaterials aufgeben. Insgesamt ist der Schrottvorrat natürlich recht groß, wenn auch transportmäßig nicht ganz leicht zu erschließen. Angesichts der schwierigen Erzversorgung wird die Wiederverwertung von Schrott, die in der deutschen Eisen- und Stahlindustrie schon immer einen beträchtlichen Raum eingenommen hat, von jetzt an als Rohstoffquelle noch wesentlich wichtiger werden müssen. Unser Reichtum an Schrott ist zwar ein trauriger Reichtum, aber immerhin doch einer, der sich nutzbringend verwenden läßt.