Von A. Bode

Deutschlands stark arbeitsteilige Industrie ist in vier Zonen aufgespaltet, deren jede für sich ihr Auskommen sucht. Wir leben in einer Zeit der Zwangsautarkien, die das schwerste Hemmnis für den Wiederaufbau sind. Gewiß sind in allen Zonen die wichtigsten verarbeitenden Industrien vertreten, aber sie stehen selten in einem ausgewogenen Verhältnis zur Bevölkerungsdichte und können nicht einmal voll in Gang gesetzt werden, weil jeder Produktionszweig auf Zulieferindustrien angewiesen ist, die häufig genug durch eine Zonengrenze von ihren Kunden abgeschnitten sind. Daß die Kohle und damit die Eisen- und Stahlgewinnurg an wenige Standorte gebunden ist, kommt erschwerend hinzu. Die untenstehende graphische Darstellung läßt deutlich die Notwendigkeit erkennen, die wirtschaftliche Einheit Deutschlands als Vorstufe für jede systematische Wiederaufbauarbeit wiederherzustellen. Sie zeigt die Anteile wichtiger Industrien für die einzelnen Besatzungszonen, deren Gebiete- und Bevölkerungsanteile und schließlich die Exportintensität. Dabei ist in den Angaben für die russische Zone auch das Verwaltungsgebiet enthalten, das gegenwärtig den Polen untersteht, also das Gebiet östlich Neiße und Oder. Das agrarische Schwergewicht des Ostens ist allgemein bekannt. Jedoch zeigt unsere Darstellung, daß der Osten auch in der industriellen Ausrüstung eine wichtige Rolle spielt. Die Angaben beziehen sich auf 1936, weil dieses Jahr für den Industrieplan des Kontrollrates als Vergleichsbasis gewählt worden ist. Aber seitdem sind zahlreiche Standortverlagerungen der Industrien durchgeführt worden, die in den meisten Fällen dem Osten, auch einigen Teilen Mitteldeutschlands und Sachsens, zugute gekommen sind. Durchweg handelt es sich um Standorte, die in der russischen Besatzungszone liegen und deren industrielle Möglichkeiten gestärkt haben. Dennoch geben die Unterlagen von 1936 ein in den Grundzügen wohl richtiges Bild der Verteilung wichtiger Industriezweige auf die einzelnen Besatzungszonen. Das britische Gebiet nimmt in den Grundindustrien die beherrschende Stellung ein, nämlich in allen Zweigen, die von der Ruhrindustrie gespeist werden, die das wahre Rückgrat der Wirtschaft dieser Zone ist, die landwirtschaftlich am schlechtesten ausgerüstet ist und zu allem Überfluß die größte Bevölkerungsdichte hat. Würde also das Ruhrgebiet aus dem Reichsverband herausgeschnitten werden, bliebe für die britische Zone kaum noch eine wirtschaftliche Existenzmöglichkeit. Darüber hinaus aber strahlt der industrielle Schwerpunkt „Ruhrgebiet“ so vielfältig auf die gesamtdeutsche Industrie aus, daß auch sie vor eine vollkommen veränderte Situation gestellt würde – ganz abgesehen von den weitreichenden Strukturänderungen, die durch den Industrieplan des Kontrollrates in Kauf genommen werden müssen, der sich im übrigen auch verschiedenartig auf die einzelnen Besatzungszonen auswirken wird. Länder mit starken Industrieanteilen solcher Erzeugnisse, die nicht beschränkt werden sollen, werden besser fahren als andere.

Bayern etwa verfügt über eine sehr bedeutende Porzellanindustrie, die einen wesentlichen Teil der gesamtindustriellen Produktionswerte des Landes deckt. Sie braucht nicht eingeschränkt zu werden. Aber sie ist Großverbraucher an Kohle und dadurch entscheidend auf das Ruhrgebiet angewiesen. Wenn die bayrische Porzellanindustrie heute erst wieder mit 30 v. H. ihrer Kapazität arbeitet, so liegt das (neben der Schwierigkeit, das notwendige Kaolin herbeizuschaffen) weitgehend an der Unmöglichkeit voller Kohlebelieferung. Der Südwesten des Reiches verfügt über einen guten Anteil von Mittel- und Kleinbetrieben, die sich nicht nur als krisenfest erwiesen haben, sondern im allgemeinen auch mit ihrer Erhaltung rechnen können. Der Nordwesten dagegen verliert seinen wichtigsten Industriezweig, nämlich den Schiffbau, und ist weiter durch das Verbot geschwächt, Seeschiffahrt treiben zu dürfen. Die britische Zone ist überhaupt stärker auf Zufuhren vom Ausland her angewiesen als die andern, und sie wird deshalb die ihr innewohnende Intensität des Wirtschaftens erst nach vollem Anlauf des Außenhandels wieder erreichen können. Das beweist schon der große Exportanteil, der sich auf 40 v. H. der gesamtdeutschen Industrieproduktion beläuft, während sich der Erzeugungsanteil auf 32 v. H. berechnet, der Flächenanteil nur auf 21 v. H., der Bevölkerungsanteil auf 30 v. H. Von den wichtigen Industriezweigen sind besonders die Elektroindustrie, der Fahrzeugbau, Feinmechanik und Optik schwach vertreten. Der Anteil der Textilindustrie entspricht etwa dem Bevölkerungsanteil, während die Produktion an Bekleidung und Leder stark zurückbleibt. Dasselbe gilt für Glas und Keramik.

Die amerikanische und französische Zone stehen sich dadurch günstiger, daß sie landwirtschaftlich stärker „gesättigt“ sind. Anderseits fehlen hier weitgehend die Grundindustrien, sind die andern wichtigen Produktionen ähnlich unausgeglichen, wie wir es für die britische Zone gesehen haben. Immerhin würde ein reibungsloser Verkehr zwischen den westlichen Zonen schon in vielen Hinsichten fühlbare Erleichterung bringen können, wenn auch erst die Verwirklichung der wirtschaftlichen Einheit Gesamtdeutschlands aus den gegenwärtigen Nöten herausführen kann. Dazu muß als wichtige Ergänzung der Aufbau des Außenhandels kommen, der bis jetzt auch noch in den einzelnen Zonen unter verschiedenen Gesichtspunkten betrieben wird. Über organisatorische Vorbereitungen ist er im allgemeinen noch nicht gediehen, wobei sich die monopolistische Zusammenfassung der Organisation in der amerikanischen und französischen Zone als Hemmnis erweist, weil der deutsche Export sich traditionsgemäß aus vielen kleinen und mittleren Einzelposten zusammensetzt, die alle individuell bearbeitet werden müssen. Vor dem Kriege wurden täglich nicht weniger als 30 000 bis 40 000 Exportpartien bearbeitet und auf den Weg gebracht. Gerade bei dem Fortfall wichtiger Großexporteure der Industrie durch den Abbau des deutschen industriellen Apparates werden die Kleinexporteure in Zukunft noch stärkeres Gewicht haben als früher. Sie sind in allen Zonen und allen Produktionszweigen vertreten. Deshalb besteht der Wunsch nach möglichst baldiger Wiederaufnahme des Individualexportes. Er ist eine Frage der Organisation und – wie alles, was wirtschaftlich von Bedeutung ist – der wirtschaftlichen Einheit Deutschlands.