Wenn wir darangehen, unsere Städte wiederaufzubauen die Trümmer zu beseitigen und aus dem wenigen, was uns geblieben, wieder Heime und Arbeitsstätten zu errichten suchen, dann müssen wir außer allen uns noch zur Verfügung stehenden Mitteln, der Technik auch einen großen Mut aufbringen. Wir müssen alle Begeisterungsfähigkeit einsetzen, die uns nach den bitteren Enttäuschungen der letzten Jahre noch geblieben ist, alle Schaffensfreudigkeit, die sinnlose Zerstörung und schwerstes Leid nicht austilgen, konnten. Das kann jedoch nur geschehen, wenn wir klar umrissene Ziele und feste Aufgaben vor uns sehen.

In den letzten Jahren sind wir daran gewöhnt worden, von uferlosen Plänen überschwemmt zu werden. Riesenhafte Projekte wurden entworfen, die dann Stückwerk blieben. Heute müssen wir mit bescheidenen Mitteln aus eigener Kraft aufbauen, und das kann nur geschehen, wenn wir in engem Rahmen zusammenwirken, wenn jeder die vor ihm liegenden Schwierigkeiten übersehen kann und weiß, wie stark sein eigenes persönliches Schicksal von der Erfüllung seiner Pflichten abhängt. Auf demokratischer Grundlage müssen die Kräfte zusammengefaßt, aufgeboten und zum Erfolg geführt werden, und das verlangt einen stetigen Aufbau von unten. Je kleiner der Bereich, der ein eigenes Leben entfaltet, desto mehr ist zu hoffen, daß aus dem Zusammenstehen aller Beteiligten, aus der freiwilligen Einordnung und der Übernahme auch von Opfern und Entbehrungen das große Werk gefördert werden kann.

Aus diesen Erwägungen ergibt sich der Zwang, auch die öffentliche Verwaltung von ‚unten aufzubauen, sie so weit wie irgend möglich aus der freiwilligen Mitarbeit der Bevölkerung zu entwickeln, aus der demokratischen Verantwortung, aus der allein Schaffensmut und Arbeitsfreudigkeit aufblühen können. Der Nationalsozialismus hat den entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Er suchte von oben her zu bestimmen, durch die Gewaltigkeit der angepackten Projekte zu blenden, durch den Schwung der in Bewegung gesetzten Massen die Widerstrebenden mitzureißen. Er mußte so sich in allem übersteigern und den Weg ins Verderben gehen.

Manche Ergebnisse dieser Politik lassen sich nicht mehr beseitigen. Wir können darum nur versuchen, den einmal geschaffenen äußeren Rahmen mit innerem demokratischem Leben zu erfüllen. Dazu gehört, um ein Beispiel aus Hamburg herauszugreifen, die Aufgabe einer organischen Verschmelzung dieser Hansestadt mit Harburg herbeizuführen.

Dach das Gesetz des Jahres 1937 ist das bisher preußische, einst hannoversche Harburg in Groß-Hamburg aufgegangen. Vorteile hat Harburg von dieser Verschmelzung bisher nicht gehabt, ja, die Bevölkerung Harburgs ist der Auffassung, daß die Nachteile in der jüngsten Zeit besonders augenfällig geworden seien. Ob es sich um Baugenehmigungen handelt oder auch nur um die Zuteilung von Fensterglas, um die Versorgung der Bevölkerung mit Kartoffeln oder die Verteilung des vorhandenen Wohnraums, immer glaubte der Harburger im Schatten Hamburgs zu stehen und so der Vorteile verlustig zu gehen, die er durch eigene Tatkraft erwerben könnte. Die großen Aufgaben der Planung eines großen gemeinsamen Hafenausbaus, wobei naturgemäß auf Hamburg mehr der Stückgutverkehr, auf Harburg die Massengutfracht und damit die industrielle Verarbeitung entfallen wären, konnten nicht mehr in Angriff genommen werden. Die sinnlosen Pläne einer gigantischen Elbbrücke waren sowieso mit dem Zusammenbruch erledigt.

Das besagt nicht, daß nun Harburg selbständig werden wollte, also ganz aus dem Hamburger Gemeindeverband – oder ist es bereits ein Landesverband, der Raum auch für selbständige Gemeinden bietet? – ausscheiden möchte. Seine Bevölkerung ist 19 37 nicht gefragt worden, aber sie will nicht eine Entwicklung rückgängig machen, die sich vielleicht sonst langsamer aber organischer ergeben hätte. Harburg sucht einen neuen Weg, und es weiß, daß dieser Weg nur in wahrer Demokratie in der Selbstverantwortung seiner Bürger gefunden werden kann. Deswegen verlangt es ein größeres Eigenleben als es in der Millionenstadt Groß-Hamburg möglich erscheint. In dieser Einheit will es ein Eigenleben führen. Ist das nicht ein Gedanke, den wir auf ganz Deutschland ausdehnen könnten? Solange aus der Vielfalt nicht eine Gefahr für die unbedingt notwendige Einheit erwächst, atmet sie den wahren demokratischen Geist.

Deutschland durchschreitet die gefährlichste Phase in seiner Ernährung. Nach allen Voraussagen werden wir, wenn auch mit knapper Not, den Anschluß an die neue Ernte erreichen. Manchmal in den letzten beiden Monaten konnte es so scheinen, als ob dieses Ziel auch unter Aufbietung allen guten Willens, aller Anstrengungen und Bemühungen der Besatzungsbehörden nicht erreicht werden würde. Wir hörten, daß die Lebensmittelvorräte auf ein Mindestmaß zusammengeschrumpft seien, daß eine Zufuhr aus Mangel an Vorräten in der Welt unmöglich wäre, und vor uns lag eine Zeitspanne grenzenloser Verzweiflung. Heute erscheint die Lage insoweit geklärt, als die Ernährung bis zum Hereinkommen der neuen Ernte gesichert ist.