Der beigelegte Streik der Eisenbahner in den Vereinigten Staaten hat die Aufmerksamkeit auf die eigenartigen Gewerkschaften der Eisenbahner gelenkt, die sich selbst nicht als Gewerkschaft, sondern als Bruderschaft bezeichnen. Sie stellen in dem Aufbau der Arbeiterbewegung einen Sonderfall dar, der uns zugleich einen besonderen Einblick in das Sozialleben Nordamerikas erlaubt.

Die nordamerikanischen Gewerkschaften bieten ein einfaches und klares Bild, wenn man von den Zentralorganisationen ausgeht: Die „American Federation of Labour“ (AFL) umfaßt auf beruflicher Basis die qualifizierten Arbeiter und kann für diese dank der Knappheit an geschulten Kräften viel erreichen Ihre. Forderung geht auf die Durchführung des Gedankens der „Closed shops“, wonach in einem Betrieb für eine bestimmte Verwendung nur Mitglieder dieser einen Gewerkschaft eingestellt werden dürfen. Ihr gegenüber steht die große Organisation des „Congress of Industrial Organisation“. die sich im Jahre 1935 unter der Führung von John Lewis, dem Leiter der Bergarbeitergewerkschaft, aus der AFL ablöste. Die CIO umfaßt alle Arbeiter aller Branchen, also nicht nur Facharbeiter, sondern den gesamten Betrieb. Sie wird daher vielfach als senkrechte Organisation, weil in die Tiefe gehend bezeichnet, im Gegensatz zur waagerechten der AFL die nur einen bestimmten Berufszweig, etwa Mechaniker, umfaßt. Bei dieser Charakteristik muß aber einschränkend hinzugefügt werden, daß diese Zentralen nicht im entferntesten soviel besagen, wie ihr Auftreten nach außen vermuten läßt und wie man auf Grund europäischer Verhältnisse vielleicht annehmen könnte. Die Macht liegt vielmehr bei den Einzel- und Unterverbänden und den örtlichen Organisationen. Diese Einzelverbände halten sich teils zeitweilig von den Zentralen völlig fern, wofür das beste Beispiel der von Lewis geleitete Bergarbeiter-Verband ist, oder sie sind den Zentralen überhaupt nie angeschlossen gewesen. Sie führen ihr eigenes Leben in einer auffallenden Abgeschlossenheit, weil sie teils zu stolz sind und weil sie sich teils zu’stark fühlen, als daß sie zentrale Organisationen auch nur um Rat fragen könnten. Sie beschränken sich auf die Wahrnehmung der Interessen ihrer Mitglieder, leisten aber in dieser Hinsicht meistens Erhebliches und besagen auf ihrem Gebiet mehr als viele große Verbände der AFL oder CIO. Die Abgeschlossenheit bedeutet ein gewisses Blühen im verborgenen. Diese Verbände Und wenig bekannt, außerhalb der USA werden sie bestenfalls in größeren Darstellungen erwähnt Zu ihnen gehören die Verbände des Jahrenden Eisenbahnpersonals.

Es sind fünf an der Zahl. In amerikanischen Zeitungen werden sie bezeichnenderweise meistens die „Großen Fünf“ genannt – für Lokomotivführer, Zugpersonal, Heizer, Schaffner und Weichensteller, drei davon nennen sich „Brotherhood“. so Brotherhood of Locomotive Engineers. Dieser Ausdruck ist für alle fünf üblich geworden, obgleich er auch sonst in der amerikanischen Arbeitnehmerbewegung nicht selten ist, Er unterstreicht wie ähnliche. Bezeichnungen, kurz hingewiesen sei auf Lodges und Knights of Labour, wie ein früherer, 1900 in den AFL aufgegangener Spitzenverband hieß, das Charakteristische vieler amerikanischer Gewerkschaften und eine Eigenart der amerikanischen Arbeiter. Sie fühlen sich nämlich nicht so sehr als Arbeiter, sondern eher als Glieder einer Gemeinschaft oder Brüder einer Zunft oder Korporation. So sind auch die Brotherhoods für das fahrende Personal der Eisenbahn eine Gemeinschaft auf beruflicher Basis zwecks Wahrnehmung der materiellen Vorteile der Mitglieder, Sicherung der sozialen Position und Schutz gegen die Unbilden des Kapitalismus. Zur Erfüllung dieser Aufgaben genügt ein örtlicher und betrieblicher Zusammenschluß. Nach außen halten sich diese Brotherhoods völlig zurück, ja sie treten fast als eine Art Geheimgesellschaft oder Loge auf und werden wohl mit Anlaß gegeben haben für die zum Teil reichlich phantastischen Darstellungen über die Erfüllung von Aufnahmebedingungen usw. Die Namen der Präsidenten werden zwar gelegentlich genannt, wie Whitney und Robertson, besagen aber in der Öffentlichkeit nichts. Die Brotherhoods zählen zu den solidesten Gewerkschaften. Ihre Mitgliederzahl ist mit 350 000 im Gegensatz zu den großen Gewerkschaften und den Spitzenverbänden keinen Schwankungen unterworfen. Sie führen nach eigenen Gesetzen ihre Aufgaben durch und betrachten sich selbst als die vornehmsten, als die aristokratischen Arbeitnehmerverbände, Für den Anschluß an eine Zentrale besteht somit auch kein Interesse, wenn auch zeitweilig gewisse Sympathien für den CIO gezeigt wurden.

Die Brotherhoods sind politisch neutral. Die Fragen der politischen und sozialen Neugestaltung überlassen sie andern. Aber wenn es sich um die Wahrnehmung der materiellen und spezialen Belange handelt, dann schrecken sie vor den radikalsten Schritten nicht zurück, was anläßlich der Streikdrohungen 1943-1944 den General Marshall zu der Äußerung veranlaßte, daß die Eisenbahngewerkschaften ein verfluchtes Verbrechen gegenüber Amerika begeben.

Diese Brotherhoods betrachten sich als etwas so Exklusives, daß sie nur das fahrende Personal erfassen und sich gegenüber den Organen distanzieren, die die andern Arbeiter und Angestellten der Eisenbahnen, wie z. B. die Streckenarbeiter, die Schalterbeamten usw. organisiert haben. Diese andern Arbeiter und Angestellten sind in fünfzehn Gewerkschaften zusammengefaßt, die Non operating bodies, abgekürzt Non-ops, genannt werden, im Gegensatz zu den Ops, den fünf Operating brotherhoods. Die meisten dieser fünfzehn Verbände gehören übrigens zur AFL, was den Unterschied gegenüber den Brotherhoods weiter, unterstreicht. Obgleich außerdem weitere der Brotherhoods und der Nonops sehr oft bei Aufstellung von Forderungen und ‚bei Verhandlungen eine Sonderstellung einnehmen, haben sich bei allen entscheidenden Angelegenheiten diese so unterschiedlichen Arbeitnehmerorganisationen meistens als eine geschlossene Front erwiesen.

Bei der zentralen Bedeutung der Eisenbahnen und den damit verbundenen Gefahren sozialer Konflikte ist den Brotherhoods und gleichzeitig mit ihnen den Non-ops im öffentlichen Leben eine Sonderstellung zugestanden worden. Sie unterstehen nicht den allgemeinen Organisationen und Gesetzen, sondern besonderen Körperschaften. Schon 1920 wurde zur Regelung aller sozialen Fragen ein Railway Labor Board gebildet, das sich aber nicht bewährte, weil die Arbeiter sich nicht fügten, wenn sie von den Unternehmern und den Vertretern der öffentlichen Hand überstimmt wurden. Das jetzt gültige Gesetz von 1924 sieht eine Regelung aller Arbeitsfragen nur durch die Unternehmer und Arbeiter unter Ausschaltung staatlicher Stellen vor, wenn auch die fünf Mitglieder des Direktoriums vom Präsidenten ernannt werden. Wenn Unternehmer und Arbeiter sich nicht einigen können, dann greift allerdings der Staat ein. Dieses Gesetz ist sehr scharf in der Öffentlichkeit kritisiert worden, weil die Gefahr zu groß sei, daß Unternehmer und Arbeiter sich auf Kosten der Allgemeinheit einigen, aber es ist zu beachten, daß Tariferhöhungen, die die Folge von Lohnerhöhungen sein könnten, vom Staat genehmigt werden müssen.

Trotz dieser Regelung kam es so kürzlich wieder zu Schwierigkeiten und Streikdrohungen, weil, wie die Kritiker sagen, die Brotherhoods und die andern Gewerkschaften sich zu leichtfertig über die Entscheidungen und Empfehlungen der Körperschaften des Gesetzes des Jahres 1924 hinwegsetzten. Es scheint aber anderseits, daß die Streikdrohungen nicht allzu ernst gemeint waren und nur ausgesprochen wurden, weil sie sicherlich, genügen; würden, um das Gewünschte zu erreichen. Diese Streikdrohungen lassen nicht, ohne weiteres, den Schluß auf eine Radikalisierung des fahrenden Personals zu. W. G.