Von Ernst Samhaber

Drei Augenblicke bestimmen das Gesicht einer Persönlichkeit: der Augenblick, da der junge Mensch die Schule verläßt und die Lehr- und Wanderjahre antritt, der Augenblick, da er nach Abschluß dieser Lehre sich niederläßt, um die erste feste Anstellung anzutreten, und der Augenblick, da er in die Öffentlichkeit tritt, Verantwortung übernimmt oder ein öffentliches Amt anvertraut erhält. Wir werden sagen können, daß der erste Augenblick für ihn im Alter zwischen 15 und 20 Jahren, der zweite im Alter von 25 bis 30 Jahren und der dritte mit etwa 35 Jahren zu kommen pflegt. Wir finden also Zwischenräume von rund zehn Jahren im Leben des einzelnen Menschen, die für seine gesamte Welteinstellung entscheidend werden. Wenn daher ein besonders hervorstechendes Ereignis weite Kreise der Bevölkerung geistig formt, so pflegt es die Generationen dahin zusammenzufassen,daß es Gruppen formt, indem das gleiche Ereignis, daß es einmal für die Lehr- und Wanderjahre, ein andermal für den ersten Beruf und sodann für die öffentliche Stellung entscheidend wird. Die Folge ist ein eigenartiger Prozeß, der die Generationen, die an sich gleichmäßig in nicht abreißender Folge einander abwechseln, in Gruppen zusammenzieht und auseinanderreißt.

Das große Ereignis, das vor rund drei Jahrzehnten den Generationen in Deutschland das besondere Gesicht gab, war der erste Weltkrieg. Für die Jahrgänge von 1895 bis 1902, die bei Kriegsende 16 Jahre und älter waren, bedeutete er den Beginn der Wanderjahre, da die älteren von ihnen durch den Kriegsdienst in ihrer äußeren Entwicklung zurückgeworfen wurden. Für die vorangehende Generation, die Jahrgänge 1885 bis 1894, also die Männer, die bei Kriegsausbruch 20 bis 30 Jahre alt waren, mußte der Krieg als Ersatz der Lehrjahre dienen, da sie schon ausgereifte Männer, meist mit einer gewissen Berufsvorbildung waren. Sie suchten und fanden nach Kriegsende schnell eine Anstellung, während die folgende Generation sich noch auf den Universitäten und Schulbänken herumschlug.

Die Staatsstellungen allerdings waren von einer Generation besetzt, die den Jahrgängen 1875 bis 1884 angehörte, also denjenigen, die bei Kriegsausbruch 30 bis 40 Jahre alt gewesen waren und deswegen bereits Erfahrungen in Verwaltung, Wirtschaft und öffentlichen Leben hatten sammeln können, die einzige Generation, die auf wohlerworbene Kenntnisse aus der Zeit vor dem großen Kriege zurückgreifen konnte.

Das brauchten nicht immer Staatsbeamte des kaiserlichen Deutschlands gewesen zu sein; die Gewerkschaftler waren überzeugte Demokraten und Sozialisten. Sie arbeiteten zusammen mit den Bürgermeistern und Verwaltungspraktikern, die nun das politische Gesicht Deutschlands nach 1920 formten. Der Reichswehrminister Geßler oder der Reichskanzler Luther, um nur einige Namen herauszugreifen, stammten aus der Verwaltung. Die Tragik der kommenden Entwicklung lag weniger darin, daß die Jahrgänge zwischen 1880 und 1899 durch den Krieg besonders schwer gelitten hatten, als darin, daß der natürliche Generationenwechsel unterbunden wurde, weil mit der Wahl Hindenburgs die mehr als Sechzigjährigen an die Macht kamen und sich in ihr durch die Besetzung aller wichtigen Posten in Verwaltung und Wirtschaft mit Leuten, die sie kannten und verstanden, hielten.

Die junge Generation, die mit dem Abschluß der Inflation, also nach 1924, die Lehrzeit abschloß und sich niederlassen wollte, fand daher überall verschlossene Türen. Sie konnte sich nur in untergeordneten Stellungen einarbeiten und nirgends in führende Positionen vorstoßen, von wenigen Ausnahmefällen abgesehen. Sie glaubte, in Ruhe abwarten zu können, da die Generation vor ihr stark durch den Krieg gelichtet war und die großen Stellungen von den Sechzigjährigen ausgefüllt wurden, die in absehbarer Zeit von selbst das Feld räumen müßten. Der entscheidende Augenblick, lautete die allgemeine Überzeugung, träte ein, wenn der Feldmarschall von Hindenburg sein Amt als Staatspräsident niederlege. Auf diesen Zeitpunkt wartete die „Kronprinzenpartei“ der Dreißig- bis Vierzigjährigen.

Es kam anders. Hindenburg wurde 1932 wiedergewählt, und er übergab 1933 die Macht an Hitler, der diejenigen um sich gesammelt hatte, die erst nach 1919 in die Sturm und Drangjahre eingetreten waren und die den Kern der „Alten Kämpfer“ stellten, also die Jahrgänge zwischen 1903 bis 1910. Diese jungen Menschen waren den älteren gegenüber in einem großen Vorteil, sie waren politisch nicht belastet; denn in ihrem Alter hatten sie nirgends am politischen Leben der alten Parteien teilgenommen; sie hatten keinen Posten in der Verwaltung inne, den sie hätten verlieren können, als sie sich der NSDAP anschlossen; sie hatten auch keine verantwortliche Stellung in der Wirtschaft, die sie zu einer tieferen Erkenntnis der inneren Hohlheit der nationalsozialistischen Phrasen hätte führen können.