Höhepunkte der Hamburger Theater- und Musikwochen

Der Sturm

Des Zauberns müde wie Prospero, der nach vollbrachtem Werk den Zauberstab zerbricht und tief vergräbt, zieht sich der fünfzigjährige Shakespeare in seinen Heimatort, ins schlichte Erdenbürgerliche zurück: die Gedanken vermutlich, gleich Prospero, dem aus langjähriger Verbannung Heimkehrenden, „auf das Grab gerichtet“, was nicht unheiter und trübsinnig zu sein braucht. Er wird ein Mensch unter Menschen gewesen sein, erlöst von der Macht „grauser Magie“, die ihn jene zweite und nicht minder abgründige Welt der Worte und Gestalten zu schaffen gebot; bemüht, den Geist des Friedens, der Liebe und der Klarheit schon hier um sich zu verbreiten, den er jenseits der Todesschwelle erfüllt zu finden hoffte. Glückliches Stratford on Avon! Einmal noch jedoch, genau wie sein Geschöpf Prospero, bevor er den Dirigentenstab der Geisterwelt beiseite tat, hat der große Magier aus dem vollen gezaubert, einmal noch beschwor er mit der größten Kraft und Kunst Geister, Menschen, Tiere, um zu sagen, was in solcher Abschiedsstunde zu sagen ist. „Der Sturm“ enthält sein letztes Wort, der Weisheit letzten Schluß.

Mag das bei Seefahrern und Kaufleuten damals umlaufende Gerede von den Bermuda-Inseln, wo man Geistergesang in der Luft gehört und leibhaftige Dämonen gesehen haben wollte, sich als gefälliger und aktueller Stoff dem kundigen Theatermann angeboten haben – mag „Der Sturm“ zur Verschönerung einer höfischen Hochzeit geschrieben worden sein – all das ist gleichgültig und hin wie der Wagen, der Michelangelos Marmor transportierte, oder des Schauspielers Shakespeare Schminktopf. Geblieben ist ein Dichtervermächtnis und ein Märchen, dem mehr Wahrheit und Größe innewohnt: als allen je von Menschen aufgeführten Staatsaktionen. Dieses Märchen ist keine Augenverblendung, welcher Verführung die fröhlich fabulierende Kunst so leicht erliegt. Letzte Weisheit und kindliche Einfalt reichen einander die Hand, und auch davon ist in dem Stück selbst bedeutsam die Rede. Wo anders als im Märchen ist der Mensch so leicht, so unmittelbar einsichtig seiner falschen Gewänder und seiner Lügen zu entkleiden? Der Sturm des Schicksals fegt das Drum und Dran des Alltags genau so davon wie Besitz, Sicherheit, Würden und geschauspielerte Charaktere. Auf Prosperos Zaubereiland wird jeder erbarmungslos mit sich selbst konfrontiert. Im Dienste des Meisters wirken hier Ariel, der Luftgeist, der so rein, daß nur Musik ihm angemessener Ausdruck ist, und Caliban, der viehische Roboter, Verkörperung des Untermenschentums – wenn die Zurechtrückung dieses Wortes unseligen Angedenkens erlaubt ist. Zwischen diesen beiden, zwischen dumpfem Trieb und Geistesflug, zwischen mordlüsternem Grunzen und reinem Sphärensang spannt sich die Skala, aus der der Akkord des Menschen sich formt. Nun finde dich selbst, überraschter Gast auf Prosperos Insel, und begreife die Lehre des Meisters, daß Güte, Gnade und Liebe als Einzige Rettung verheißen in Sturm und Flaute des Daseins Diese so aneinandergereihten Worte mögen manchem Heutigen, den die Enttäuschung gezeichnet hat, das Gesicht in der Abwehr noch mehr erstarren lassen. Was sie gelebt bedeuten, zeigt Prospero, den Niedertracht und Schicksalstücke nicht hindern konnten, weise und gut zu werden.

Es ist eine seltsame Fügung, daß „Der Sturm“ zum erstenmal in Szene ging aus Anlaß einer Staatsaktion, jener Hochzeit des Winterkönigs von der Pfalz, die der Stein des Anstoßes ward für den Dreißigjährigen Krieg, in dessen Greueln kein Dichterwort den Jammer der Menschen zu übertönen vermochte. Aber es erstickte und starb nicht daran. Die Botschaft kehrte wieder und bewies ihre Kraft, die Mühseligen und Beladenen zu laben. Sie wird niemals schweigen, solange es Menschen gibt, die ein Ohr für das Dichterwort haben, die das Wort nicht nur für ein Geräusch und seinen Sinn nicht nur für ein Spiel des Augenblicks nehmen. Wir, die wir uns mühsam erheben aus den blutigen Schwaden, mit denen Calibans Triumph die Erde überzogen hat, lauschen mit verlangendem Sinn.

In einem mit Eckermann geführten Gespräch über Shakespeares Dramen fordert Goethe, daß wir „ein Kunstwerk, das mit kühnem und freiem Geiste gemacht worden, auch womöglich mit ebensolchem Geiste wieder anschauen und genießen“. Wenn dies die Erklärung für die Hingabe sein darf, mit der der Aufführung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg gelauscht wurde, und für den überschäumenden Beifall, mit der sie belohnt wurde, so ist etwas geschehen, was mit Dank, Hoffnung Und Zuversicht erfüllen muß.

Heinrich Koch führte Regie und ließ das Wort Gestalt annehmen, so daß kaum ein ungelöster Rest, zu spüren war. Ihn loben heißt alle loben, die sich von ihm zu dieser Ausgeglichenheit führen ließen. Es war ein wirkliches Ensemble, keine Zusammenrottung einzelner Schauspieler, und vor dieser Feststellung sollten auch die Stimmen schweigen (falls es sie gibt): dieses oder jenes hat mir damals oder dort besser gefallen. Werner Hinz gab den Prospero, nobel in Sprache und überlegener Gebärde, Erich Schellow den Luftgeist Ariel, ganz Klang und Flügel, obwohl er doch nur sprach und ging. Sein Widerpart Caliban, eindringlich abscheulich, war Benno Gellenbeck. Das junge Paar, das Prospero in geheiligter Kuppelei zusammenführt, dies holde Siegel auf dem neu begonnenen Blatt des Lebens, waren Eva Gotthardt und Horst Breitenfeld; sie strahlten Reinheit und Verzückung des Liebesfrühlings wider. Ein besonderes Wort über Grock – nein, Charlie Rivel – nein, Gustav Knuth natürlich. Man habe Verständnis für diese Namensverbindung, die sich auf die tiefsinnigsten Clowns der letzten Zeit bezieht; Gustav Knuths versoffener und dem Caliban nicht abgeneigter Seemann wird den zweifellos anwesenden Geist Shakespeares schmunzeln gemacht haben. Nach diesem rauschenden Erfolg kann man nicht gut glauben, daß Knuth noch Hamburger Fluchtgedanken in seiner Brust hegen wird.