Es ist eine eigenaitige Beobachtung. In einer Zeit, da die Musik bemüht ist, das romantische Gewand abzustreifen, und da sie als tönende Schwester der Architektur nichts Außermusikalisches mehr ausdrücken will, bleiben die Komponisten dem Ballett treu, ja finden an ihm neuen Gefallen. Igor Strawinskij hat in jungen Jahren in Rußland die Glanzzeiten der klassischen Tanzkunst noch miterlebt, und als er sein berühmtes Ballett „Feuervogel“ komponierte, schien es zunächst, als wollte er ohne neue Zielsetzung, wenn auch mit neuen Mitteln nur die Tradition Tschaikowskijs. fortsetzen. Dann aber hat er sich mehr und mehr von der Romantik entfernt, und andere sind den gleichen Weg gegangen. Und doch schrieben sie Ballettmusik, alle die Musiker der Moderne. Wie denn? Muß die Musik nicht folgen, wenn der Tanz Gefühle, ja Begebenheiten ausdrückt? Ist die Musik nicht sogar der kraftausstrahlende Motor dabei? Kein Zweifel, hier ist, wenn auch kein Riß, so doch die Naht zwischen neuer Kunsterkenntnis und alter Praxis: Die Musik als Motor tanzender, bewegter Menschengruppen ist ganz nahe ihrer Ursprungsquelle, nämlich dem psychologisch leicht erklärbaren Naturdrang, Bewegung zu ordnen, zu erleichtern und schließlich auf eine dem Ekstatischen verwandte Ebene zu heben. Der Rhythmus bleibt das große Gemeinsame von Musik und Tanz. „Im Anfang war der Rhythmus.“

Man irrt sich wohl nicht, hierin die Ursache zu suchen, daß auch ein Hindemith, der niemals Romantiker war, sich dem Ballett verschrieb. Einst ebenso hohes Erfordernis wie der Auftrag, eine Oper zu schreiben, ist die Ballettkomposition zeitweilig ein Feld gewesen, das der anonyme Theaterkapellmeister bei Gelegenheit beackerte. Denselben Auftrag wieder zur großen Kunst zu steigern, war Hindemiths Absicht. Fürwahr, schon der Stoff reicht an die Sterne! Es ist die getanzte Franziskus-Legende.

Paul Hindemith schrieb die „Nobilissima Visione“ im Jahr 1938, ehe er Deutschland verlassen mußte. Schon diese Jahreszahl deutet auf den abgeklärten Hindemith hin, dessen Musik, so heiß der Pulsschlag der Gegenwart in ihr pocht, von einem wundersamen, reifen Ebenmaß erfüllt ist. Man erlebt in diesen Tagen manchmal im Konzertsaal, daß die Zuhörer unmittelbar in den Bann solcher Hindemith-Musik aus den letzten Jahren geraten, so, als hätten Krieg und Not sein Werk verständlicher gemacht. Ist er der Mann, der gleich so, wie Heinrich Schütz es nach dem Chaos des Dreißigjährigen Krieges tat, das Bauwerk der Musik über alle, auch geistige Zerstörung Europas aufrichtet? Ist er ein einsamer, klarer Flötengesang über dem Untergang eines Weltteils? Wir beginnen, ihn sehr zu entbehren, diesen Paul Hindemith, der im Augenblick keine Miene macht, aus Amerika heimzukehren.

Es muß über das Verdienst der Aufführung gesprochen werden, das sich das Künstlerpaar Hans Schmidt-Isserstedt und Helga Swedlund erwarb. Für ihn, den meisterlichen Dirigenten und Musiker aus der Schule Schreckens und Schönbergs, galt es, einem Kunstprinzip zu dienen, das auch das seine ist. Er war mit Leidenschaft und Hingabe bei der Sache.

Helga Swedlund aber erwarb sich ein einmaliges Verdienst. Die Tanzlegende nämlich, die in Paris uraufgeführt wurde, da in Deutschland Hindemiths Musik ja nun einmal verboten war, harte durch das russische Ballett von Monte Carlo eine schlechthin vollkommene Darstellung erfahren. Schließlich handelte es sich dabei um eine Künstlergemeinschaft, in der noch die alte, wundervolle Tradition der russischen Ballettkunst wirksam war. Da nun aber derlei große Projekte zweckmäßig an bestimmte Tanzbühnen gebunden bleiben – auch Strawinsky hat ja vornehmlich für ein einziges Tanzensemble seine großen Ballettmusiken geschrieben –, ist eine Verpflanzung und die damit verbundene choreographische Neugestaltung immer problematisch. Du Zeitumstände brachten es mit sich, daß Vorlagen so gut wie gänzlich fehlten, und der Verlag Schott in Mainz, der trotz der Diffamierung des Komponisten alle seine Werke getreulich gepflegt und gedruckt hat, machte im Namen Hindemiths eine Vertrauensreverenz vor der nachschöpferischen Begabung der Tänzerin und Ballettmeisterin Swedlund, als er ihr – und ihr allein – dieses Werk überantwortete. Und Helga Swedlund übertraf sich selbst.

Die Legende spielt sich in sechs Szenen ab, für die Cesar Klein, in der Nazizeit auch ein „Entarteter“. den traumschönen, symbolhaften Hintergrund malte. Eine Farbensteigerung bis zum Himmelsgold. Franziskus (Max Aust) zwischen Tuchhändlern und Bettlern, zwischen Soldaten und schlemmenden Standesgenossen, dann weitabgewandt sich in der „Kärglichen Hochzeit“ mit der Armut (Helga Swedlund) vermählend. Dem verzichtenden Franziskus hat Hindemith eine rührende, unendlich innige Oboenme’odie mitgegeben, die mit der Bedeutung eines Leitmotivs (wenn auch nicht etwa im Sinne Wagners) durch diese Sinfonietta, durch dieses Kaleidoskop der Rhythmen wandert. In der Stimmung des franziskanischen Sonnengesanges schließt das Ballett mit Klängen von gleichsam transparenter sakraler Weihe.

Die Hamburger Staatsoper hatte auf das Programm desselben Abends die Oper „Dido und Aeneas“ gesetzt, jenes Meisterwerk der musikalischen Spätrenaissance Englands, das Henry Purcell für eine vornehme Mädchenschule schrieb, ein Umstand, der die Vorherrschaft der Frauenstimmen erklärt. Es läßt sich kaum eine Begegnung denken, die beglückender wäre. In Henry Purcell hatte einst ja jener englische Musikfrühling seinen Höhepunkt gefunden, in dem ausgesät wurde, was ganz Europa ernten durfte. Auch Bach war einer dieser Erben, er hat Größeres und Tieferes geschrieben als Purcell, Schöneres nicht. Die Musik war jung in Purcells Tagen, Morgentau lag auf jeder Melodie, die neue Polyphonie erschloß leuchtende Perspektiven, und England war eine Insel, getaucht in Musik. Der Puritanismus ließ sie für Jahrhunderte verstummen, so daß vor den Heutigen, von Williams und Britten, Purcell der einzige Musikdramatiker Englands ist. Wirklich ein Dramatiker. Mit Hexenchören und Maskentänzen (unnachahmlich in der Verbindung von Grazie und Gespensterhaftigkeit das Lachen des Hexenchores). Mit Donner und Blitzen. Mit köstlichem Poltern derber Seemänner. Mit Dido, die im Jammer um des Aeneas Abschied stirbt.