Von Hans Schimanl

Am 1. Juli 1646, also vor 300 Jahren, wurde zu Leipzig Gottfried Wilhelm Leibniz geboren, der Sohn und Enkel angesehener Juristen und Universitätslehrer. Aus diesem Anlaß findet in Hamburg vom 1. bis 4. Juli eine wissenschaftliche Tagung statt, die, an Leibnizsche Problemstellung anknüpfend, grundsätzliche Fragen der Wissenschaft behandelt.

Gegen Ende zweier großer Epochen unserer abendländischen Geistesgeschichte treten uns jeweils zwei Männer als Vertreter der naturwissenschaftlichen Forschung ihrer Zeit entgegen, die den Typus des dialogischen wie den des monologischen Menschen in beinahe reiner Ausprägung darstellen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als die Renaissance sich schon zum Barock hinüberneigt, sind dies Paracelsus und Kopernikus, zu Ausgang des 17. Jahrhunderts Newton und Leibniz.

Gleich Leibniz ist der streitlustige Deutschschweizer Theophrastus Paracelsus aus dem Geschlecht der Bombaste von Hohenheim voller Neugier, an vielem teilnehmend und vielerfahren. Immer lüstern nach Mitteilungen, teilt auch er selbst sich mit in Rede und Gegenrede, Flugschrift, Abhandlung und Buch. Jeglichem Streit abhold, verbringt dagegen der Fraunburger Domherr Nikolaus Kopernikus sein Leben in der Abgeschlossenheit Preußens zurückhaltend und wenig mitteilsam. Nur weniges und vollausgereiftes Schriftwerk empfängt aus seinen Händen der Kreis der Fachgelehrten. Diesem Manne gleicht in manchen Zügen seines Wesens Isaak Newton. Dem lauten Leben abgekehrt und von fremden Anregungen fast unabhängig, lebt er nur seiner Wissenschaft. An einmal gewonnenen politischen Anschauungen und wissenschaftlichen Überzeugungen hält er starrsinnig wie in Glaubenssachen fest. Im tiefsten Sinne unpolitisch und undiplomatisch, findet er sich nur selten zu Zugeständnissen bereit und ist wenig geneigt, sich in die Gedankengänge eines andern hineinzuversetzen oder fremdes Verdienst gerecht zu würdigen. Seine beinahe mönchische Einsamkeit ist seine Stärke. Von höfischem Glanz geht für ihn keine Lockung aus. Ihm selbst aber scheint eine Kraft innezuwohnen, die, anziehend gleich der der Gravitation, Ansehen und Ehrungen von selbst und mit Notwendigkeit ihm zufallen macht. Durch alles dies wird er für seinen Gegenspieler Leibniz schwer begreiflich und beinahe unangreifbar.

Dieser Leibniz nämlich ist weltgewandt und weitzugewandt, fähig und willig, ins Weite zu wirken. Er atmet mit Begierde höfische Luft und bleibt zeit seines Lebens bestrebt, sich einen großen staatsmännischen Wirkungskreis zu eröffnen. Seine Leidenschaft für Politik kann sich an Stärke mit seiner Leidenschaft nach Kenntnissen und Erkenntnissen messen. Als einen der Bildsamsten unter den Sterblichen bezeichnet er selbst sich einmal, als einen Menschen, dem schon aus der flüchtig hingeworfenen Bemerkung eines wahrhaft bedeutenden Maines so viel neue, lichtvolle Erkenntnis quillt, daß er sich auf Grund ihrer entschließen kann, zahlreiche eigene, noch nicht ausgereifte Einfälle und Entwürfe preiszugeben. Er vermag es um so eher, als er ja von Einfällen und Entwürfen ständig übersprudelt. Denn seine nahezu beispiellose Bildsamkeit und Anregbarkeit verharrt niemals im Zustand einer empfangenden Ruhe oder schlichter, gleichsinniger Mitbewegung. Fremde Ideen erwecken in ihm mehr als nur Widerhall. Als Reize lösen sie alsbald gedankliche Reaktionen aus, die von vielfach stärkerer Wirkung sind als der auslösende Anlaß. Leibniz’ Geistigkeit ist wahrhaft eine „vis viva“, eine lebendige Kraft. Sein Begreifen bemächtigt sich der Dinge und wandelt sie, ab. Seire Art des Erkennens ist keine betrachtsam verharrende, sondern eine handelnd gestaltende. Sie erhilt in ihm einen Spannungszustand aufrecht, durch den der Strom seiner Tätigkeit motorisch getrieben wird. In Leibniz ist alles ein funkelndes Spiel gleichgewichtiger Kräfte, in dessen farbigem Licht immer neue Seiten seines Wesens aufblitzen.

Einem Mann von so großem geistigem Ausmaß boten sich in Deutschland während des letzten Drittels des 17. Jahrhunderts wenig Möglichkeiten zur Pflege und Entfaltung seiner Gaben. Selbst ein sehr ausgedehnter Briefwechsel, wie Leibniz ihn damals mit führenden Geistern Europas anzuknüpfen suchte, konnte ihn für den Mangel des unmittelbaren Verkehrs mit ihnen nicht entschädigen. Da führte sein guter Stern ihn 1672 nach Paris und in den Kreis der Mitglieder der Academie Royale des sciences. Im Umgang mit ihnen erwarb er sich das eindringende Verständnis für Wesen und Wert der Technik, durch das er sich fortan auszeichnete, und sein feines Gefühl für die Bedeutung aller gewerbefördernden Maßnahmen.

Für den Gang seiner eigenen Geistesentwicklung wurde die Begegnung mit Christian Huygens entscheidend, der durch Colbert an die Akademie berufen worden war und damals in Paris lebte. Am Wissen und Können dieses hervorragenden Physikomathematikers ermaß Leibniz die Unzulänglichkeit seiner eigenen Kenntnisse und ging mit Feuereifer daran, sie auszugleichen. Nicht dies allein gelang dem Hochbegabten binnen, der erstaunlich kurzen Frist von nur drei Jahren. Er erfand währenddessen zugleich noch ein neues Rechenverfahren in seinem „Calculus differentialis“ und dem dazugehörigen „Calculus summatorius“ oder „Tetragonisticus“, den wir seitdem mit den Bernoullis als Integralrechnung bezeichnen. im Gegensatz zu Newton, dessen „Fluxionsrechnung“ gleiches leistete wie die Leibnizsche Infinitesimalrechnung, hatte Leibniz bewußt die Handhabung seiner neuen Rechenweise durch eine zweckmäßig ersonnene Formel- und Zeichensprache zu erleichtern gesucht. Diesem Umstand hatte er es denn auch vorwiegend zu verdanken, daß nachmals ein Pyrrhussieg aus dem Sieg wurde, den Newton in dem unerfreulichen Streit um die Erfindung der Differentialrechnung über seinen deutschen Gegner davontrug. Auch gegenwärtig, da Leibniz von dem gegen ihn erhobenen Vorwurf eines Plagiates an Newton längst gereinigt ist, bedienen wir uns noch der von ihm verwendeten Symbole und Bezeichnungen. Ihre Einführung in die höhere Analysis war für deren Fortbildung von etwa der gleichen Bedeutung wie die-Einführung des Liebigschen Fünfkugelapparates für die Weiterentwicklung der experimentellen organischen Chemie.