Von Marion Gräfin Dönhoff

In Deutschland stehen heute zwei wirtschaftliche Probleme im Vordergrund: die Steigerung der landwirtschaftlichen Erzeugung und die Unterbringung der in die westlichen Zonen eingewanderten Menschenmassen. Es ist unser Unglück, im besonderen das Verhängnis unserer Landwirtschaft, daß diese beiden Probleme gleichzeitig auftreten, denn natürlich liegt nichts näher – vor allem mit den Augen des Nichtfachmannes gesehen –, als den Mangel an Erzeugung auf der einen Seite mit der Fülle untätiger Hände auf der anderen Seite ausgleichen zu wollen.

Um die Dinge klar, zu sehen, muß man aber einmal diese beiden Fragen gesondert betrachten, weil sonst die Konturen der Probleme verschwimmen. Und zwar ist es nötig, von dem Zentralproblem, der Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, auszugehen, weil diese Frage entscheidend für das Schicksal des ganzen deutschen Volkes ist. Erst wenn man Klarheit über die notwendigen Vorbedingungen und Maßnahmen zur Bewältigung dieses Problems gewonnen hat, kann man den zweiten Schritt tun und sich fragen, wie gleichzeitig eine Lösung des Bevölkerungsproblems zu schaffen ist.

Die Vorstellungen, die über landwirtschaftliche Betriebsformen, Bevölkerungsdichte, Intensitätsgrad und struktuale Veränderungen die öffentliche Meinung beherrschen, sind im allgemeinen sehr vage und durch keine festen Begriffe begrenzt. Deshalb zunächst einmal einige Grundfakten:

Die Anzahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten ist merkwürdig konstant; vor 150 Jahren waren es in Deutschland etwa 20 Mill. Menschen, und heute, das heißt bis zum Ausbruch des Krieges gerechnet, waren es auch etwa 20 Mill., nur daß heute außerdem noch 50 Mill. in Deutschland leben, während es damals, nur etwa 6 Mill. waren. Von 1870 bis 1933 ist die deutsche Landbevölkerung von 21,8 Mill. auf 22,5 Mill. angestiegen, hat sich also praktisch kaum verändert, obwohl sich in diesen 60 Jahren im Bereich der Landwirtschaft gewaltige Veränderungen vollzogen haben. Die ganze Entwicklung von der extensiven Dreifelderwirtschaft zu einer hochentwickelten Fruchtwechselwirtschaft mit starkem Hackfruchtanteil fällt in diese Zeitperiode, desgleichen die Auswertung aller modernen Forschungsergebnisse auf dem Gebiete der Pflanzenzucht, der Agrikulturchemie und der Bodenkunde. In diesen 60 Jahren, in denen Pferd und Ochse durch Raupenschlepper und andere Zugmaschinen ersetzt wurden, in denen auch auf den kleinsten Höfen an die Stelle des Flegels die Dreschmaschine trat und die Kartoffeln, damals mit der Hand gelegt, gehackt und ausgegraben, heute mit modernen Vielfachgeräten aller Art gepflanzt, gehackt und geerntet werden, in diesen sechs Jahrzehnten ist der Teil der Bevölkerung, der in der Landwirtschaft tätig ist, weder größer noch kleiner geworden – ein erstaunliches Faktum

Diese Feststellung erfährt eine allgemeingültige Bestätigung durch die Beobachtung, daß die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten in allen west- und mitteleuropäischen Ländern, mit Ausnahme von Italien und dem Westrand des Balkans, wo besondere klimatische Bedingungen vorliegen etwa gleich ist – sie liegt nämlich ungefähr bei 40 Personen (Wohnbevölkerung je 100 ha). Es zeigt sich also, daß die Zahl der landwirtschaftlichen Bevölkerung erstaunlicherweise unabhängig ist sowohl von der Art des Betriebssystems wie auch von dem Grad der Mechanisierung.

Daraus folgert erstens, daß die zur Bewirtschaftung notwendige Menschenzahl eine feste Größe darstellt, die zwar aus irgendwelchen außerhalb der rein ökonomischen Sphäre liegenden Gründen über- oder unterschritten werden kann, was dann aber zur Folge hat, daß der Lebensstandard absinken muß, weil jede Abweichung von der optimalen Ausnutzung eine Beeinträchtigung der Rentabilität herbeiführt. Zweitens folgert daraus, daß eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion fast ausschließlich durch verstärkte Mechanisierung, durch bessere Kombination der Betriebsmittel und durch den wissenschaftlichen Fortschritt, nicht aber durch vermehrten Aufwand an Handarbeit bewirkt wird. In den letzten hundert Jahren sind die Hektar-Erträge in Deutschland bei gleichbleibender landwirtschaftlicher Bevölkerung um das Drei- bis Vierfache gestiegen, was neben der fortschrittlicheren Betriebsweise in erster Linie der Industrie und ihren technischen und chemischen Erzeugnissen zu danken ist. Eine intensive Landwirtschaft ist eben ohne eine hochentwickelte Industrie gar nicht denkbar.