Das Thema der modernen Musik wird heute stark diskutiert, so daß es interessant erscheint, einmal den Standpunkt des Orchestermusikers zu erfahren. Der Verfasser ist Mitglied des Symphonieorchesters des Nordwestdeutschen Rundfunks, das sich unter Schmidt-Isserstedt zu einem der besten deutschen Klangkörper entwickelt hat.

Um positive Gegenwarts- und Zukunftsfragen geht es, um Fragen, die einmal vom Standpunkt des Orchestermusikers gesehen nicht nur ihn, sondern auch das Publikum betreffen.

Wir spielen Hindemith, wir müssen ihn spielen, denn er steht ja auf dem Programm. So ergibt sich die Frage der Einstellung zur Musik, die man vom Musiker verlangt. Es dürfte hier nur eine bejahende geben, denn die ewig nörgelnde, die jedes Programm als unmöglich und jede Musik „bis auf ein paar schöne Stellen“ als langweilig oder scheußlich abtut, ist keine Einstellung, die eines Musikers würdig ist. Ebenso wenig ist es eine Einstellung, einfach „Dienst zu machen“. Immerhin, so etwas kommt vor.

Wir sollen also Hindemith spielen. „Her damit!“ ist die Antwort des Positiven. Und wie bekommt ihm das? Vorzüglich! Denn die Komponisten, die man nun wieder spielen soll (und darf!), sind ja nun nicht etwa künstlich erhalten oder groß gemacht, weil sie Emigranten waren, so einfach ist das Berühmtwerden nicht! Sie haben sich gehalten und entwickelt, und dies unter weniger fördernden Umständen, als ihre parteilich lancierten Kollegen in Deutschland.

Vielfach steht nun der junge nach Krieg und Gefangenschaft ins Orchester zurückgekehrte oder neu aufgenommene Musiker inneren Hemmungen gegenüber, Kontakt mit dem modernen Werk zu bekommen, er sieht auch technische Schwierigkeiten, denn die Tonsprache und ihr schriftliches Bild sind schon manchmal etwas ungewöhnlich; und es ist nicht nur die allgewaltige Routine, mit der es die älteren Kollegen „machen“: sie können ja vieles noch von früher. Und so ist die Unterhaltung in den Orchesterpausen oft recht aufschlußreich; hier kreuzen und befruchten einander die Meinungen des reiferen Alters, das die Herrlichkeiten der Klassiker auszuschöpfen und voll nachzuerleben weiß, mit dem oft vorschnellen Urteil der talentierten, in Sturm und Drang endlich mal Neues witternden Jugend, der Standpunkt des Erfahrenen, der mit dem weiteren Horizont die Modernen aus höherer Perspektive betrachtet, mit dem des klassisch geschulten und gegen ungewohnte Härten empfindlichen Jungen, der glaubt, ablehnen zu müssen, wo der abgeklärte Kollege zumindest duldsam lächelt.

Denn Duldsamkeit ist eine menschliche und besonders musikantische Tugend, Duldsamkeit, die nie in Urteilslosigkeit ausarten kann, wenn sie mit Wichtigerem gepaart ist: Ehrfurcht vor allem Schöpferischen. Und jeder, der nur einmal die Feder ergriffen hat, weil er „etwas zu sagen“ hatte, weiß, wie mühsam allein die Arbeit der musikalischen Niederschrift ist, so daß die Nur-Schreiber, die Komponisten, hier die Feder wohl eher aus der Hand legen, als die anderer Gebiete.

Schließlich brauchen wir nur an Wagner zu denken, der wohl selbst beim breiten Publikum nicht mehr als „Moderner“ betrachtet wird. Ist es wirklich nur die Zeit, die über den Begriff „Modern“ entscheidet? Fast scheint es so; denn wie alle Großes und Neues schaffenden Menschen war auch Wagner einmal „zu modern“. Ganz abgesehen von den „irrsinnigen Bühnenerfordernissen“, auch die Musik war ja „technisch unmöglich“! „Herr Kapellmeister, hier in der Violastimme, das ist doch wohl eine Geigenfigur?“ fragte damals ein empörter Bratschist beim Venusberg-Motiv der „Tannhäuser“ Ouvertüre. Was würde er wohl zum „Heldenleben“ von Strauß gesagt haben!