DIE ZEIT Feuilleton

Ein Fremder, der in ein Vorzimmer, Jahrgang 1946, eintritt, ist grundsätzlich eine Beleidigung des Vorzimmers. Denn ein Vorzimmer ist ein Raum, der einer oder zwei mehr oder minder hübschen, meist großartig aufgemachten, gelegentlich auch ein paar fremdsprachliche Wortbrocken zitierenden Damen überantwortet ist, damit sie Schönheitspflege treiben. Daneben wird selbstverständlich auch gearbeitet, schwer sogar, und die Schreibmaschinen singen das „Hohelied der Arbeit“.

In den Vorzimmern wird gewartet. Die Besucher warten auf eine Entscheidung, ein Papierchen, einen Stempel. Die Damen, die hineingehören, warten auf etwas, das nur sie wissen; sie sind wie geheime Dornröschen, die auf eine geheime Erlösung waften. Die Erlösung kann grundsätzlich nur aus Räumen kommen, die hinter den Vorzimmern liegen. Das ist die den Vorzimmern innewohnende grundsätzliche Weltanschauung.

Ein Fremder in einem Vorzimmer ist weniger als ein Nichts. Es gibt nur eine Entschuldigung für seine Existenz: die Anmaßung der Sterblichen, in geheiligte Räume zu den großen und kleinen Göttern vordringen zu wollen, die hinter den Vorzimmern thronen und die Welt regieren, daß es eine Freude ist. Es war schon immer schwierig mit den Vorzimmern. Für ein besiegtes Volk aber werden sie ein tragisches Problem. Denn ein besiegtes Volk tritt einmal ein in jenen Zustand der Zerknirschung, die zu einer erbarmungslosen Vergottung aller Autoritäten führt, anderseits aber ist es von Zweifeln zerfressen. Und diese Zweifel mildern auch die Benommenheit, die einen Fremden in einem Vorzimmer des Jahres 1946 befällt und die ihn veranlassen, genau hinzusehen. Schande über diese Vermessenheit!

Wie verbittert haben wir oft, als Matrose oder als Landser, auf jeden Fall irgendwie als „Kumpel“ verkleidet, in Schreibstuben beim Kommiß auf Abfertigung wartend herumgestanden, der Willkür der dort amtierenden Damen ausgeliefert, für die der Mensch erst beim Feldwebel – Verzeihung: beim Oberfeldwebel – anfing. Dies aber nur, soweit keine Personen im Offiziersrang greifbar waren. Damals haben wir uns auch schon getraut, genau hinzusehen. Die Zeiten sind Gott sei Dank vorüber, und so was gibt es natürlich nicht mehr.

Aber wovon steigen solche törichten Erinnerungen auf? Vom Warten. Und die Erinnerungen sind ungerecht, wie alle Verallgemeinerungen ungerecht sind. Es gab natürlich auch andere „Stabshelferinnen“, die freundlich und zuvorkommend waren, auch zu dem einfachen Landser. Und um zu verhindern, daß diese sich beleidigt fühlenden Damen in langem Protestzug durch die Straßen ziehen, deshalb sei ausdrücklich festgestellt: es gab auch andere!

Wie natürlich auch andere Sekretärinnen in den Vorzimmern thronen. Es gibt darunter welche, die mit Umsicht und Tatkraft gesegnet sind und die eine Wohltat bedeuten für ihre gesamte Umgebung, einschließlich der Fremden, die zu ihnen verschlagen. Aber leider sind diese Genies unter den Chefsekretärinnen – wie alle Genies – seltener als die andern.