Ein Bericht von Jan Molitor

Sonntag, Die tiefgezogenen Dächer des Heidedorfes schließen sich nicht aus, sondern benehmen sich genau so wie die Dichter es sonntags wollen: sie blicken freundlich durchs Gebüsch. Auch die Schornsteine spielen mit: sie blasen liebliches Dampfgekräusel in die sonnenerfüllte Luft und Dampf darauf schließen. daß es mittags warmes Essen gibt. Was die Dorfkinder betrifft – sie jauchzen; was die Hunde angeht – sie bellen und beißen nicht Weit in der Ferne tun auch die Glocken, was sich gehört, sie läuten. Die Mädchen tragen schon am Vormittag weiße Kleider, Auch Gesang kommt vor; aus dem Garten und aus der Küche. Nur eines fehlt: der Dichter, der träumend am blitzenden Bach steht und mit Genuß dieses Klischee der Dorfatmosphäre einatmet. An seiner Statt sind zwei englische Soldaten erschienen, die offenbar von weither gekommen sind, denn es fehlt sonst die Uniform im Sonntagsblick des Heidedörfchens: nun, sie paßt ja wohl auch nicht hierher. Die Engländer stehen indes am Flüßchen und fischen, wobei sie mittels ihrer Tabakpfeifen angenehmen Geruch verbreiten. Sie stehen bewegungsobwohl sie gar nichts fangen. Kurz, es ist Sonntag. Und richtig: da muht ja auch eine Kuh, da wiehert ein Pferd.

Es fehlt also kaum etwas zum Inbegriff des freundlichen Dorfes, nicht wahr? Doch ganz so einfach darf man es nicht nehmen! Der Sonntagsfriede aus dem Bilderbuch, er nehmen! freilich in der Vergangenheit Heute aber muß man ständig fragen: Wie kommt das Dorf mit den Flüchtlingen aus? Gehen sie Arm in Arm mitsammen spazieren oder schubsen die Bauern die Töpfe der Flüchtlinge vom Herd, worauf diese – auch nicht faul – Jenen heimlich ins Essen spucken, wie es anderswo schon vorgekommen Ist? Schauen sie Hand in Hand den Schwierigkeiten des täglichen Lebens entgegen oder sehen sie zu, wie eins dem andern ein Beinchen stellen kann, wie es hie wie dort ja an der Tagesordnung ist? Nun, man wird hören...

Aber man hört zunächst am Dorfeingang einen weich tappenden Schritt. Und derweil man, versanken in den Anblick des Dorfes, am Weidenzaun steht – was pustet einem da warm in den Nacken? Natürlich ein Pferd, Aber was für ein Pferdt Langer Kopf und große Augen, reiche Mähne und schlanke Flanke, starke Schenkel und zarte Fesseln; ein „Flüchtlingspferd“, ein Vollblut, ein Reitpferd aus Ostpreußen, das friedlich mit den Dorfrössern grast und – obwohl ein Fremdling – doch seinen Anteil am Futter kriegt, genau so wie die einheimischen Pferde. Seltsamer Fall! Oder sollten Tiere manchmal vernünftiger als Menschen sein, die durch Konzentrationslager und Kriege allerdings Einreichend bewiesen haben, wie schlecht sie sich zeitweilig eignen, die „Krone der Schöpfung“ zu repräsentieren, Doch, da wir gerade bei den Pferden sind – was ist denn das dort drüben für ein vierbeiniger Dreikäsehoch, der sich gleich einer ausgelassenen Dogge auf der Weide tummelt, ein Liliput unter den Pferden, wie man es sonst nur im Zirkus oder im Zoo bewundert?

Oh, das ist eine Geschichte für sich: Es war einmal hierzulande ein großmächtiger Gauleiter (und wenn er sich nicht umgebracht hätte, so lebte er – vielleicht! – noch heute), der hatte sein Pläster daran, in der großen, tausendjährigen Epoche ganz kleine Pferdchen zu züchten. Als aber nun alles zu Ende war, da stellte sich heraus, daß jene, die im Gauleiterhaushalt dienstverpflichtet waren, noch rückständigen Lohn zu bekommen hatten. Da mußte das Pony als Schadenersatz dienen und gelangte so ins Heidedorf, wo nun statt des Gauleiters die Kinder mit ihm spielen, Bauernkinder und Flüchtlingskinder. Denn wirklich, es ist ein freundliches Dorf, nicht nur, wenn sonntags von fern die Glocken läuten...

Zwei Dutzend Häuser ungefähr, und drüben in einem andern Dörfchen, das gleichfalls zur Dorfgemeinde zählt, noch einmal ein Dutzend Häuser. Insgesamt haben hier und drüben 312 Eingesessene gewohnt. Dann sind 317 Flüchtlinge dazugekommen, „Alt-Flüchtlinge“ sozusagen, denn später kamen noch weitere hinzu. Es steht also fest, daß die Flüchtlinge das Übergewicht haben. Und dennoch geht es hier nicht auf Hauen und Stechen zu? Nein? Was für ein degeneriertes Dorf! Aber das ist doch wenigstens dann ein Lügengerücht, daß heute, am Sonntagabend, im Dorfkrug ein Tanzvergnügen veranstaltet wird, das Eingesessene und Flüchtlinge gemeinsam bestreiten? Nein, der Tanz ist sogar schon Tradition geworden! – Wo sind die Dichter, die dieses Heidedorf besingen, das friedliche Dorf, in dem die Flüchtlinge auch als Menschen gelten, denen man freundlich begegnen kann!

Dieses Einvernehmen ist nicht neu. Ja, es wird sogar erzählt, die Flüchtlinge seien es gewesen, die dem Bürgermeister den Rücken stärkten, als er verhinderte, daß die Brücke am Dorfeingang damals, vorm Einmarsch der englischen Truppen, in die Luft gesprengt würde. Es ist nur eine kleine Brücke aus Holz, aber sie hat doch ihre Wichtigkeit, und deshalb hatte die SS, die noch im Lande umherstreifte. als der Krieg in seinen letzten Zügen lag, die Sprengung befohlen, weshalb der widerspenstige Bürgermeister sich tagelang in der Heide versteckt halten mußte.