Viele Gründe sind denkbar, warum Georg Kaiser seinen „Flüchtling“ als Entwurf hat liegen lassen. Einer schließt sich aus: daß er ihn bei näherem Besehen als nicht dramatisch genug sollte verworfen haben. Dramatisches vielmehr quillt bereits dem Vorgang wie Schweiß aus allen Poren. Man prüfe selbst: Der Flüchtling verbirgt sich, unter Anmaßung aller Rechte, im Ehebett des Grenzwächters, der ihn verfolgen soll, und entflieht aus der immer enger werdenden Umzingelung nicht nur mit Hilfe der Frau, sondern zuletzt dank der Selbstaufopferung des zu einem neuen Ethos bekehrten Gehörnten. Umzingelung von außen, prekäre Situation, und deren Entlarvung von innen, das hat’s von alters her in sich. Es ist daneben belanglos, daß der Flüchtling diesmal ein französischer Arbeiter ist, der zur Zeit der (deutschen) Besetzung an der Schweizer Grenze seinem Convay entspringt, welche zeitnahe Einfärbung übrigens mit einer Diskretion gehandhabt wird, die dem Realismus des Ganzen widerspricht. Daß der stur pflichtgetreue Beamte sich, unter Hintansetzung persönlichster Kränkung, in einen todbereiten Maquisard verwandelt, ist der Schluß- und Haupteffekt und der eigentliche Wink in die Zeit, die freilich nie stillsteht;

Fritz Hochwälder hat Georg Kaisers Entwurf als ein treuer Diener seines rechnerischen Geistes ausgeführt, indem er ihm keinen Effekt, den das dramatische Kalkül hergab, schuldig blieb. Ja, man wünschte sogar, der Spielleiter der Münchner Studio-Uraufführung (Volkstheater) hätte ihm ein paar von den gröbsten abgeschmeichelt, ehe sie verständnisinnige, stille Heiterkeit verbreiten konnten. Und das um so mehr, als der Ausführende den Kaiserschen Entwurf nicht aus der Sphäre des Rechenexempels in die einer tiefer packenden und wahren Menschlichkeit hat hinüberläutern können, so daß uns die auftretenden drei Personen zuinnerst etwas angingen, statt uns nur dank ihrer zugespitzten Situation aufzuregen. Selbst Injektionen von Spontanerotik unterstreichen die Effekt süchtigkeit des Patienten mehr, als daß sie sie bessern, und so blieb unter Gert Brüderns Spielleitung mit dem begabten Karl Finkenzeller, mit Marianne Probst und Friedrich Sauer als Handlungsdreieck die Wirkung trotz freundlichen Beifalls studio-gefechtsproblematisch, wenn auch nicht durch zuwenig, sondern eher durch zuviel dramaturgische Könnerschaft bei mangelnder dichterischer Sprachgewalt. Hanns Braun