In dem tiefsinnigen Gedicht des Engländers T. S. Eliot “East Coker“ steht die Zeile: “For us there is only the trying. The rest is not our business.“ Zu deutsch etwa: „Für uns gibt es allein das Versuchen. Der Rest ist nicht unser Geschäft.“

Zu Beginn dieses Zeitalters des Versuchs, in der Aufklärung als der angeblichen Emanzipation der Vernunft, sehen wir zum ersten Male den Versuch als Titel und Programm: es ist der “Essai concerning human understanding“, der Versuch, den menschlichen Verstand betreffend, von John Locke. Er erscheint, als jeder Glaube brüchig, jede Hoffnung fragwürdig geworden ist. Der „Versuch“ erobert als Experiment das Forschen und Denken, als Tiefenpsychologie die Religion, als Essayismus und Symbolismus die Kunst, als Kunst des Möglichen die Politik. Und diese Entwicklung zeitigt zunächst sehr positive Erfolge.

Allmählich aber verschiebt sich der Begriffsinhalt vom eigentlichen „Suchen“ zum „Versuch“, ja bis zur „Versuchung“. Der Mensch verliert den letzten geistigen Halt, die letzten seelischen Grundlagen und Ziele seines Seins. Er fühlt sich selbst in den allgemeinen Strudel der Dinge und Wesenheiten hineingezogen, er erlebt seinen eigenen Untergang im Experiment, im Essai, im Problem, in der Ausweglosigkeit.

Heute, wo wir nur noch Trümmerhaufen sehen – nicht nur materielle, sondern auch ideelle –, scheint es für uns wirklich „allein das Versuchen“ zu geben. „Der Rest“ ist nicht nur „nicht unser Geschäft“, sondern eine bare Unmöglichkeit. Wir können nicht mehr auf Vorhandenem aufbauen – es ist nicht mehr viel vorhanden. Wir können nicht mehr zurückgehen – weder bis 1933 noch bis 1815 noch bis 1700 – und dort von vorn anfangen. Man gießt keinen neuen Wein in alte Schläuche. Unsere Jugend drängt in die Zukunft, ohne fürs erste zu wissen, wie sie aussehen wird. Anderseits: Wir sind also auf dem „Wege des Versuchens“. Kat’ exochen. Darum müssen wir uns – besonders die Jugend – vor sogenannten Kompromißlosigkeiten hüten. Wir wollen ja nun wieder dem „Versuch“ ein positives Vorzeichen geben, sollten darum nicht nur neuformen, sondern auch umformen. Es gibt weder eine voraussetzungslose Wissenschaft noch sonst etwas Voraussetzungsloses.

Was wir „versuchen“, ist zunächst ein Wiederaufbau unseres Denkens, Wollens und Fühlens, weiterhin unseres gesamten Menschseins oder Menschentums. Auch unsere junge deutsche Demokratie ist nichts anderes als ein „Versuch“, der uns dorthin führen soll. Und gerade hier ist die ältere Generation nur Platzhalterin der jüngeren. Möge sie also mit jungen Köpfen denken und mit jungen Herzen „versuchen“. Was vom Staat, gilt, das gilt im entsprechenden Sinne auch von der Kirche. Jeder Versuch ist zugleich Entscheidung, Probe, Krisis für den Versuchenden. Er kann an seinem Versuch wachsen oder zugrunde gehen. Der Menschheit im allgemeinen, Europa und dem deutschen Volk im besonderen ist eine letzte Chance gegeben. Möchten wir nach den blutigen Jahren der Seelentötung und Geistesknechtung alle uns noch verbliebenen Kräfte anspannen, um eine schönere Zukunft zu erringen und ein besseres Leben zu schaffen. C. A.