Konstanz, im Juli

Wenn etwas Entscheidendes über die der Kunst gewidmeten Tage in Konstanz gesagt werden muß, dann ist es die aufgeschlossene Atmosphäre, die dank der französischen Schirmherrschaft unter einem selten reichen Kreis deutscher und ausländischer Schriftsteller, Künstler, Journalisten und Theaterleute hergestellt wurde. Das war bei der Fülle von Veranstaltungen zeitlich nicht immer leicht zu bewerkstelligen, denn nicht nur das Theater, noch mehr die bildende Kunst – in einem Umfang und in einer freizügigen Übersicht wie seit 1933 nicht mehr in Deutschland –, die Musik, der französische Film, das Wort waren im geschickt ausbalancierten Wechselspiel vertreten.

Das Theater war eine Rückschau und hat bei der Geschwindigkeit, mit der unsere kühnen den äußert deutschen Spielplan rezipieren, nichts Neues gebracht. Die bildende Kunst hat dagegen in einer bemerkenswerten Ausstellung an dem friedlichgelassenen Bodensee die wesentliche Moderne aus Süd- und Westdeutschland zum erstenmal wieder zur Diskussion gestellt. Da gleichzeitig an der Marktstätte eine ausgesuchte, nicht überspitzte moderne Kollektion französischer Maler und Graphiker zusammengefaßt war, war für die Bevölkerung, zu der Tausende Schweizer Besucher stießen, eine Vergleichsbasis geschaffen, wie sie nicht günstiger erwartet werden konnte. Die Franzosen zeigten in hervorragenden Einzelwerken Bonnard, Denis, Matisse, Utrillo, Valeton, Marquet – also vorwiegend Impressionisten – und typische Beispiele des kubischen Stils von Leger und Gromaire, neben einprägsamen Zeichnungen von Georges Rouault auch den phantasiebegabten Goerg.

Eindeutig ließ sich feststellen, daß die um die Jahrhundertwende begonnene Entwicklung nach wie vor nicht zum Abschluß gekommen ist, auch wenn der Expressionismus seinen Schwung verloren hat und eine gleichwertige Richtung noch nicht an seine Stelle getreten ist. Der Farbvortrag unserer Deutschen neigt allgemein zur Expression. Er ist brutal, wuchtig, konzessionslos im Gegensatz zu den Franzosen, bei denen sich die Farbe in ein genial gemeistertes Manöver, ein Spiel der Rapporte verfeinert. Das ist kein Werturteil, sondern eine Unterscheidung.

Das Vortragswesen war in der Konstanzer Kunstwoche geschickt in das Flechtwerk der Veranstaltungen hineinkomponiert Wie sehr der Kreis erweitert war, mag man daraus ersehen, daß der Schriftleiter der „Fähre“, der Anglist Hanns Hennecke, so gut wie der vorzügliche Übersetzer Bruno Goetz (Petersburger – Leningrader Dichtung), Ernst Wilhelm Eschmann, der Übersetzer von Valérys „Mon Faust“ in einer der profundesten Erhellungen Valérys, Johannes R. Becher in einer Vorlesung aus eigenen Werken und Karl Helbling aus Zürich über die gegenwärtigen Dichter der Schweiz, Oskar Wälterlin über das Theater und seine heutige Verantwortung und Jean Cassou (Paris) zur französischen Dichtung, Georg Böse zu dem interessanten Thema des Auftraggebers in der Kunst, ganz abgesehen von privaten Lesungen, zu hören waren. Dies alles wurde vervollständigt durch eine hervorragende Kammermusikfolge, die ihr Programm dem in Hamburg wohlbekannten Flötisten Gustav Scheck verdankte, durch eine markante Serie französischer Filme und Konzerte des Baden-Badener Südwestfunk-Orchesters, das von E. Lessing zu einem disziplinierten Klangkörper heraufgearbeitet worden ist.

Die Compagnie Noel Vincent aus Paris gastiert mit dem „Horace“ von Corneille. Es war das Stück, das dem deutschen Geschmack am fernsten stand, trotz der fast modischen Pracht der Kostüme. Es hat die Scheidelinie gezeigt, wo sich lateinischer und deutscher, auch angelsächsischer Geschmack trennen: uns ist die Form nicht das Absolute. Man spielt in Frankreich anders Theater als bei uns. Die Sprechtechnik ist keineswegs expressiv, sondern beinahe unauffällig, wie nebenhin geredet, das Spiel, verhalten (auch die „Antigone“ wird in Paris anders als bei uns aufgefaßt). Diese Wesensunterschiede gleichen sich dagegen in der Musik aus.

Für die Franzosen hat M. Gavoty, für die Deutschen Wolfgang Fortner den Gang der musikalischen. Moderne konzentriert zusammengefaßt. Hindemith, Prokofieff, Strawinsky, Debussy, Bartok, Schoeck, Jarnach, Ravel-Roussel oder Français wurden in das Programm aufgenommen: hier waren die französischen Musiker betont herausgestellt. Orgelspieler wie Gavoty (Organist des Invalidendoms, Paris), Geiger wie Candela, Klavierspieler vom Rang Carl Seemanns neben dem unvergeßlichen Gustav Scheck selbst, die hingebungsvolle Pianistik von Edith Picht-Axenfeld wurden für musikalische. Mittlerschaft eingesetzt. Trotz Mendler- und Winterthurer Streichquartett fehlte es am europäischen Zuschnitt im Quartettensemble. Auch in der Musik blieb als Ergebnis die Wiederaufnahme des Bestandes und als stärkste Potenz doch Strawinsky haften.