Ein enger Mitarbeiter des früheren Staatsminister Grimme nimmt zu dieser für unsere Jugend entscheidenden Frage Stellung.

Das deutsche Unterrichtswesen ist nach dem politischen Zusammenbruch so gründlich zerfallen, daß die Hoffnung auf eine Einigung oder auch nur Angleichung der Schulformen in Deutschland recht schwach ist. In jeder Provinz, in jedem Lande arbeiten Beamte der Schulverwaltungen eigene Reformpläne aus, so daß manche Arbeit an verschiedenen Stellen vielfach geleistet wird. Alle geistig und politisch wachen Menschen nehmen starken Anteil an Schul- und Erziehungsfragen; jeder Verantwortliche weiß, daß sorgfältige Planung im geistigen wie im wirtschaftlichen Leben Voraussetzung für jede produktive Leistung ist.

Drei Hauptrichtungen des Reformstrebens lassen sich bisher erkennen, am deutlichsten aus den Plänen der russischen Zone, aus denen Hannovers und denen des Rheinlandes. Die Pläne in der sowjetischen Besatzungszone sind für alle fünf Gebiete dieser Zone einheitlich und sehr übersichtlich. Das sind erhebliche Vorzüge. Nach dieser Planung sollen in Zukunft alle Kinder vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr die allgemeine Volksschule besuchen, also statt der bisher vierjährigen die achtjährige Grundschule. Vom fünften Schuljahr ab wird in dieser Grundschule eine moderne Fremdsprache (zum Beispiel Russisch oder Englisch) als Pflichtfach, vom siebten Schuljahr ab eine zweite Fremdsprache (auch Latein) als Wahlfach gelehrt. Unterricht in Mathematik, Physik und Chemie sind wahlfrei. Nach dem achten Grundschuljahr kann der Schüler, je nach seiner Veranlagung, entweder eine dreijährige Berufsschule (mit verstärktem Unterricht in den allgemeinbildenden Fächern) oder eine vierjährige Oberschule (mit einem deutschkundlichen, einem altsprachlichen, einem neusprachlichen und einem mathematischen Unterrichtszug) besuchen. Der Weg zur Universität und Hochschule führt nicht nur durch die Oberschule, sondern auch durch Berufs- oder Fachschule oder über die Bewährung im Beruf nach Besuch besonderer Vorkurse.

Diese Pläne verwirklichen die Einheitsschule, wie sie seit Jahrzehnten von großen Teilen der deutschen Lehrerschaft erstrebt wird. Es sind aber schon in geordneten Zeiten gegen diese Form der Einheitsschule Bedenken erhoben worden, und nicht etwa nur aus – heute gegenstandslosen – politischen Gründen. Auch im Ausland, besonders in den Vereinigten Staaten, kannte und kennt man die achtjährige Grundschule. Man hat sich aber nach jahrelangen pädagogischen Erfahrungen in den meisten Ländern für eine sechsjährige Grundschule entschieden, weil man Unterrichtsart und -tempo nach dem zwölften Lebensjahr nicht mehr so einheitlich für alle einrichten kann, daß man den verschiedenen Begabungsgruppen gerecht zu werden vermag. Auch England hat jetzt durchweg die sechsjährige Grundschule eingeführt.

Dem weit in pädagogisches und politisches Neuland vorstoßenden Entwurf der Schulverwaltungen in der sowjetischen Zone stehen, im Süden und Westen Deutschlands sehr konservative Pläne gegenüber, am klarsten ausgeprägt in der Schulorganisation der Nordrheinprovinz. Dort geht man zurück zu bewährten einfachen Formen der Schulorganisation, die, mit dem Geist echten Christentums erfüllt, der Erziehung eines im Glauben unbeirrbaren und in Kenntnissen festen jungen Menschen dienen sollen. Es werden also im Rheinland, wie vor 1933, Volksschule, Mittelschule und höhere Schule in ihren überkommenen Formen klar getrennt nebeneinander bestehen. Die höhere Schule wird neunjährig sein. Sie wird nach dem vierten Grundschuljahr mit dem Lateinischen beginnen. Später treten das Englische und das Griechische oder das Französische hinzu. Sie gliedert sich in einen altsprachlichen, einen neusprachlichen und einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Zug. In den höheren Mädchenschulen und in einigen Aufbauschulen setzt der Lateinunterricht erst im siebten Schuljahr ein. Das Reifezeugnis eines Gymnasiums, also einer Lateinschule, ist Voraussetzung für den Besuch von Universität und Hochschule.

Dieser Plan, nach dem im Rheinland schon praktisch gearbeitet wird, und der Entwurf für die russische Zone stellen nicht nur verschiedene Möglichkeiten zweckmäßiger Schulorganisation dar; sie sind vielmehr Ausdruck tiefer politischer und weltanschaulicher Gegensätze. Sie müssen überwunden werden, wenn die Schule der deutschen Jugend helfen will, zu einem einigen Volk zusammenzuwachsen. Wie die Überwindung der Gegensätze möglich ist, zeigt der hannoversche Schulplan des früheren preußischen Kultusministers Grimme. Sein Plan will keinen Umsturz des bestehenden Schulwesens (an Trümmern fehlt es ohnehin nicht), sondern er will aus den überkommenen vorhandenen Formen ein in Geist und Gliederung neues Gebäude für die Schule unseres Volkes bauen. Volksschule, Mittelschule und Gymnasium bleiben vorerst als getrennte Schulformen bestehen Sie sollen aber nicht mehr Standesschulen sein und Leistungen und Berechtigungen nach der Höhe des Schulgeldes staffeln. Grimmes Plan setzt Schulgeldfreiheit für alle Schularten voraus, und die Wahl der Schule soll sich in Zukunft nicht mehr nach dem Geldbeutel der Eltern, sondern nach der Anlage des Kindes richten. Nach dem Gutachten des Grundschullehrers wird der handwerklich begabte Schüler auf die Volks- und Berufsschule, der für eine wissenschaftliche Ausbildung Befähigte aufs Gymnasium, der für technische, künstlerische und soziale Berufe Geeignete auf die Mittel- und Oberschule eingeschult werden. Der erfolgreiche Schüler kann durch jede Schulart bis zu den Universitäten und Hochschulen gefördert werden, der Volksschüler über Berufs- und Fachschule oder Volkshochschule genau so wie der Gymnasiast.

Nach dem vierten Grundschuljahr teilen sich also im hannoverschen Plan die Ausbildungswege; sie laufen aber noch bis zum Abschluß des zwölften Lebensjahres dicht nebeneinander her Denn im fünften und sechsten Schuljahr wird in der Volksschule, in der Mittelschule und im Gymnasium als erste Fremdsprache Englisch unterrichtet Im siebten Schuljahr wird in der Mittelschule wahlfreier Unterricht in einer zweiten Fremdsprache (Französisch oder Russisch oder Lateinisch) und im Gymnasium als zweite Pflichtsprache Latein eingeführt. Nach diesem Plan kann man also die Wahl des Bildungsweges noch bis ins dreizehnte oder gar bis ins fünfzehnte Lebensjahr prüfen und berichtigen und das und von einer Schulart auf eine andere, passendere vergehen lassen. Nach dem achten Schuljahr teilen Six die Wege endgültig. Der Volksschüler besucht die neue Berufs- und Fachschule, der Mittelschüler tritt nach dem zehnten Schuljahr in die Berufsausbildung oder nimmt an den zweijährigen Kursen der Oberschule für neuere Sprachen oder Mathematik oder künstlerische oder Frauenschulfächer teil. Der Gymnasiast muß sich nach dem achten Schuljahr für den sprachlichen oder mathematischnaturwissenschaftlichen Zweig entscheiden. Die Zulassung zum Studium wird nicht durch das Abschlußzeugnis einer Schule erworben, sondern sie ist abhängig für alle Bewerber von ihrer Bewährung in einem Vorsemester (dem Philosophikum).