Von Marion Gräfin Dönhoff

Die in der letzten Ausgabe der „Zeit“ begonnene Untersuchung über Bevölkerungsprobleme und landwirtschaftliche Produktion ist inzwischen durch die Diskussion der Bodenreform -us der Sphäre theoretischer Erörterungen herauselöst und in den Bereich praktischer Erwägungen hineingetragen worden.

Wenn man die Fülle der Pläne, Vorschläge und Argumente ansieht, die in Gestalt von politischen orderungen, wirtschaftlichen Zielsetzungen und sozialen Wünschen die Debatte beherrschen, so ist es schwer, ein klares Bild von den tatsächlich gegebenen Möglichkeiten und den wirtschaftlichen Consequenzen der vorgeschlagenen Maßnahmen zu gewinnen. Zwischen Unendlich-Klein und Unendlich-Groß werden alle denkbaren Betriebsformen konstruiert, lurchgerechnet und dann als Allheilmittel empfohlen. Da ist der „Jebens-Plan“, der 5 Millionen Kleinstbetriebe von je sechs Morgen Größe vorsieht und auf diese Weise die optimale Erzeugung zu sichern verspricht. Da ist anderseits ein „Plan Möllenhoff“, der Fünftel des in der britischen Zone zur Verfügung stehenden Landes, nämlich etwa 10 Mill. Morgen, in 500 Großbetriebe zu je 20 000 Morgen zusammenfassen will, und versichert, daß die Produktion dieser 500 Betriebe ausreicht, um 20 Mill. Menschen, also praktisch nahezu die gesamte städtische Bevölkerung der britischen Zone, zu versorgen; die anderen drei Fünftel, gleich 15 Mill. Morgen, stunden dann für Siedlungsexperimente aller Art zur Verfügung. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es zahllose Projekte, die mehr oder weniger einleuchtend oder abwegig erscheinen.

Ehe man sich auf irgendeine Diskussion über das Thema Bodenreform einläßt, ist es unerläßlich, sich erst einmal über die jeweiligen. Ziele und Grundsätze klar zu werden. Es gibt drei verschiedene Motive, die nur allzuoft miteinander verquickt werden, wodurch die klare Einsicht in die Dinge und der Überblick über die Auswirkungen der vorgeschlagenen Maßnahmen außerordentlich erschwert werden.

1. Politische Gesichtspunkte: Kommt man zu der Überzeugung, daß aus politischen Gründen der Großgrundbesitz als „Hort der Reaktion und des Militarismus“ oder als überholte „junkerliche Lebensform“ zu zerschlagen ist, dann muß eine Aufteilung in diesem Sinne vorgenommen werden, ohne daß man diese politischen Gründe wirtschaftlich zu motivieren brauchte.

2. Bevölkerungspolitische Gesichtspunkte: Kommt man zu der Überzeugung, daß aus sozialen und psychologischen Gründen die Frage der Übervölkerung und das Flüchtlingsproblem im Vordergrund stehen und hält man diese Fragen für so entscheidend, daß sie unbeschadet aller wirtschaftlichen Erwägungen, gelöst werden müssen, so ist ein umfassendes Siedlungsprogramm zu entwerfen und durchzuführen, das seine Berechtigung dann in sich selbst findet und nicht ernährungswirtschaftlich begründet werden sollte,

3. Wirtschaftliche Gesichtspunkte: Kommt man zu der Überzeugung, daß eine Produktionssteigerung nur möglich ist indem man die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche in entweder 6 Morgen oder 20 000 Morgen große Betriebe aufteilt oder andere wie auch immer geartete betriebswirtschaftliche Veränderungen vornimmt, so muß geprüft werden, was per Saldo bei einer solchen Umgestaltung herauskommt und was inzwischen auf dem Wege zu diesem Ziel zu geschehen hat.