In einer Großstadtstraße Nordwestdeutschlands hängen an Häuserwänden drei Marmeladeneimer. Hier einer, da einer, und dort einer. Sie sind schön blau bemalt. Mit Ölfarbe. „Ein hungriger Hund bittet um Knochen“, steht in Schwarz auf Weiß auf den Eimerbäuchen. Weithin sichtbar. Die großen Zierbuchstaben sind mit Liebe gemalt. Eine Unterschrift enthält der Appell an den Tierliebhaber nicht. Man weiß nicht, warum. Aus dekadenter Scham? Bitten und betteln sind stammverwandt. Betteln unter dem Deckmantel der Anonymität, und sei es auch nur für einen Hund, weckt Zweifel. Warum soll man nicht wissen, wohin die Spenden fließen? Zugegeben: Stände unter der Bitte „Kullicke“, wäre bei wörtlicher Auslegung der Fürsprecher selbst der hungrige Hund, was bei der gegenwärtigen Ernährungskrise mit schmunzelndem Verständnis aufgenommen würde. Man kann Knochen nicht nur einmal, sondern zwei-, drei- und viermal auskochen, es kommen immer noch Kalorien in Gestalt von Fett heraus. Auch Seife kann man aus Knochen machen. Sogar Knochenmehl, falls man eine Knochenmühle hat. Es ergibt ein die – Eierproduktion anregendes Futtermittel für Kotschinchina-, Wyandottes-, Minorka-, Plymouth-Rocks und andere Hühner.

Die Eimer sind bis zum Rand mit Knochenpäckchen gefüllt. Ein Dackel könnte ein solches Quantum niemals verputzen. Selbst für einen Neufundländer wäre es zuviel. Der Hund lebt nicht allein von Knochen. Der amtliche Futterschein, der mit unserer Lebensmittelkarte große Ähnlichkeit hat, gewährt dem Hund – gleich welcher Rasse er angehört – im Monat sechs Kilogramm Futterhaferflocken und drei Kilogramm Futterfleisch. Wieviel Kalorien das sind, hat sich auszurechnen bisher noch niemand der Mühe unterzogen – auch der Tierschutzverein nicht. Bekommt der Hund nur Knochen, wird er mangelkrank. Das weiß der Bittsteller bestimmt. Er müßte also den zwanzig bis fünfundzwanzig Pfund Knochen, die die Eimer enthalten, mindestens fünfzig Pfund Futterhaferflocken hinzufügen. Solche Quanten vertilgt kein Löwe. Er muß sich mit elf Pfund Pferdefleisch täglich begnügen.

So steigt wiederum die berechtigte Frage auf: Was fängt der Bittsteller mit den vielen Knochen an? Vertauscht er sie an andere Hundehalter gegen Grütze oder Schinken? In der fraglichen Großstadt gibt es -zigtausend Hunde. Nur ein Bruchteil von ihnen bekommt Futterscheine: Blindenhunde, Polizeihunde, Wachhunde und eine kleine Zahl fachschaftlich ausgewählter Rassehunde. Hundehalter, die nicht im Besitz von Futterscheinen sind, befinden sich infolgedessen auf ständiger Futtersuche, wenn sie sich der Tierquälerei nicht schuldig machen wollen. Aber noch eine Frage gibt es zu klären: Wo kommen die vielen Knochen her? Paketeweise. Jede Hausfrau wird es bestätigen: Knochen sind nicht leicht zu haben, es sei denn, man ist mit Knochenfleisch zufrieden. Aber danach sehen die Mark- und Kotelettknochen in den Eimern nicht aus. Die Eimer scheinen von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet Wespennester zu sein, in die es sich hineinzupieken lohnt.

In unmittelbarer Nähe der Knocheneimer stehen Müllkästen. Eine Frau wühlt Kohlblätter heraus. Was würden die Knochenspender sagen, wenn sich die Müllkastenkontrolleurin ein Schild umhinge: „Hungrige Frau bittet um Küchenabfälle“? Was würden sie tun, wenn die Knocheneimerinschrift plötzlich lauten würde: „Hungriges Kind bittet um Brotrinden“? Die Frau würde wegen Bettelns bestraft und das Kind – verhungern. W. Sch.