Am 31. März hat Griechenland sein Parlament gewählt; am 1. September soll auf englischamerikanische Empfehlung hin über die Rückkehr König Georgs abgestimmt werden. In den Balkankriegen personifiziert sich der Gegensatz der Monarchisten und Liberalen in zwei bedeutenden Persönlichkeiten, dem Kronprinzen und Heerführer Konstantin und dem Staatsmann Venizelos, dem Vater eines der jetzigen Minister. Zugleich verbindet sich mit diesem innenpolitischen der außenpolitische Konflikt, der im Jahre 1917 zum Anschluß Griechenlands an die Westmächte und später zum Sturz König Konstantins führte. Venizelos schien gesiegt zu haben. Die bald darauf mit großer Mehrheit erreichte Rückberufung des Königs zeigte jedoch, wie einseitig die venizelistische Ansicht der griechischen Schwierigkeiten gewesen war. Der Gegensatz zwischen Venizelisten und Konstantinisten – diese in späteren Jahren besonders von Metaxas und dem älteren Tsaldaris geführt – hatte sich längst auf viel umfassendere Fragen als die der Regierungsmethoden erstreckt.

Griechenland ist ein Land zwischen den Kontinenten und fühlt sich als solches. „Europa“ bedeutet dem Griechen ein politisches Sondergebilde, dem er sein Land so wenig zuzurechnen geneigt ist, wie etwa Asien – ebensowenig, wie er zwischen maritimer oder territorialer Orientierung endgültig zu wählen vermag. Nun ist solche Zwischenlage besonders am Mittelmeer nichts Außergewöhnliches. Italien zeigt sie in abgeschwächter, die arabische Halbinsel vielleicht in noch stärkerer Form. In Griechenland aber haben Geschichte und Volkscharakter allerdings die damit verbundenen Fragen ganz ungewöhnlich verschärft. Den Haß der Faktionen kennt schon die antike Geschichte. „Die Bürgerschaft... ist überall in zwei Teile zerrissen, die entgegengesetzt denken und Entgegengesetztes erstreben, die nur mit Mühe durch das Zusammen wohnen und durch den politischen Zwang, durch die Notwendigkeit, die unabhängige Stellung des Gemeinwesens zu wahren, zusammengehalten werden“ (Eduard Meyer).

Das Land ist erst seit wenig mehr als hundert Jahren frei; Mazedonien und Thessalien waren noch 1912 unter türkischer Herrschaft. Der griechischtürkische Krieg von 1920/21 brachte die große Umsiedlung von 2 Millionen Pontusgriechen in das verarmte Land, das damals knapp 5 Millionen Einwohner zählte. Größtenteils in Mazedonien angesiedelt, erhitzte sich mit ihnen der alte Gegensatz zu Bulgarien – auch er schon über 1000 Jahre – von neuem in gefährlicher Weise. 1940/41 haben die Bulgaren mit der Ausmordung der griechischen Intelligenz in den Gebieten von Drama, Kavalla und Seres furchtbare Rache gekommen. Daß die „Slawenapostel“ Cyrill und Methodius von Saloniki ihren Ausgang nehmen, stempelt den Anspruch der Slawen auf Mazedonien auch für die Jugoslawen zur unumstößlichen nationalistischen Wahrheit. Diesem kontinentalen Druck gegenüber hat sich von jeher die Frage gestellt, ob nicht. eine rein maritime – englische – Ausrichtung das politische Gleichgewicht herzustellen vermöchte.

Solange Deutschland auf dem Kontinent etwas galt und insbesondere als Käufer mazedonischen Tabaks in Betracht kam, stellte sich die Alternative nicht in dieser Schärfe. Es gab immerhin noch ein Gegengewicht gegen die slawischen Nachbarn. Die Tradition der Konstantinisten war daher deutschfreundlich, mit ihr der Norden des Landes. Die „westlerische“ Tendenz der Venizelos-Partei vermochte demgegenüber nicht endgültig durchzudringen, wenngleich die Schiffahrts- und Kapitalinteressen Südgriechenlands sich im wesentlichen auf ihrer Seite befanden. Mit dem zweiten Weltkrieg aber begann sich der traditionelle Gegensatz langsam umzubilden, und heute dürfte geradezu eine Umkehrung der Fronten das Ergebnis sein.

Das Zwischenspiel der deutschen Besetzung brachte einerseits vermehrte englische Hilfe; nach der Ernährungskatastrophe des Winters 1941/42 hat nur kanadischer Weizen, von schwedischen Rot-Kreuz-Schiffen mit alliierter Zustimmung importiert, das Land bis 1945 vor dem Verhungern bewahrt. Gleichzeitig aber begannen sich die Linksparteien in einer Volksfrontbewegung zusammenzuschließen, die immer stärker unter die Führung der aktiven kommunistischen Elemente geriet. In dieser Front der EAM vermag sich der alte „Venizelismus“ nicht mehr durchzusetzen. Die „nationalen“ Elemente aber, durch den doppelten Gegensatz zu Slawentum und Kommunismus befördert, schlossen sich schon während des Krieges stärker an England an. Im Jahre 1945 fand dann einer der vielen Bürgerkriege seit 1917 statt, der die Rückkehr des Königs zunächst unmöglich machte. Die Einsetzungs des Erzbischofs Damaskinos sollte den Übergang zu normalen Zuständen anbahnen.

Es ist jedoch nicht leicht, einen König zurückzuführen. Die Stefanskrone ist gefallen, Jugoslawien gehorcht Marschall Tito; Rumäniens König Michael wird über die Garanten der Monarchie ebenfalls seine eigenen Gedanken hegen, und in Italien – unerfreuliches Omen – ist die Dynastie mit 10 gegen 12 Millionen Stimmen am 2. Juni der Republik erlegen. Damit ist überall die Bahn für aktivistische Stoßgruppen frei. Nur in Griechenland zeichnet sich eine gegenläufige Entwicklung ab.

Die Wahlen vom 31. März allerdings sind umstritten. Während die englischen, amerikanischen und französischen Wahlbeobachter sie als im wesentlichen korrekt und unbeeinflußt bezeichneten, unterstützten die Moskauer Kommentare die Proteste der EAM. Schon die Zahlenunterlagen sind völlig unsicher. Die Rechte hat – nach englischen Angaben – etwa 711 000 von 1 850 000 Wahlberechtigten auf sich vereinigt; eine Zuschrift in der „Times“ vom 27. Mai 1946 erinnert daran, daß die Labourpartei im Jahre 1945 schließlich auch nur rund 12 von etwa 34 Millionen Wahlstimmen erhalten hat. Die griechische Linke dagegen beerhalten daß nicht nur die abgegebenen Stimmen, sondern auch die Wahlenthaltung zu berücksichtigen sei, die angeblich etwa 50 v. H. aller Wahlberechtigten als Parole der EAM befolgt hätten. So gerechnet, kämen den Monarchisten nur 25 bis 30 v. H. der Stimmen zu. Im übrigen seien die Wahlen, wie ein Sprecher der EAM erklärte, „eine Orgie von Terror und noch nicht dagewesenem Betrug gewesen“.