Sendschreiben an seine Freunde im Geiste

Von Walther Hilpert

Es ist gewiß wider meine Natur und Art, die Feder von meinem Pergament zu heben und euer, liebe Freunde im Geiste, zu gedenken. Doch veranlasset mich hierzu ein Schreiben der hohen Obrigkeit, das da lautet, der mir zugemessene Wohnraum dürfe nicht mehr denn 12 qm betragen. Habe daraufhin mein Gehaus Umschriften und errechnet, daß es gut 19 und einen halben Geviertmeter mißt. Mit welchen Sorgen versuchet uns nicht die Welt! Da ich hinaussehe, richten sich die Blicke der Obdachlosen und Landflüchtigen auf mich, und mein Herz geht über in Erbarmen und ruft: Hilf, hilf den Armen!

Wie aber soll ich einen Bruder in meinem Gehaus aufnehmen? Einen Platz auf der Bank, ein weiches Kissen wird er gewißlich bei mir finden. Wird er mir aber auch den Frieden meiner Arbeit lassen, so wie ich ihn brauche? Wird er mein Hausgerät an seinen Platz setzen, den dicken Kürbis unter der Decke nicht verlachen, vielleicht gar schelten über die Unordnung, mit der ich die Holzschuhe unter die Bank geworfen habe, nicht kramen in meiner Truhe und mit seinem anderen Wesen gar meinen Löwen vertreiben und den Totenkopf erschrocken verstecken? Mag alles hingehen, er wird ein Mensch sein von eigner Art, und ich will ihm nachsehen. Wie aber soll ich dabei mein Werk weiter betreiben, das Wort des Herrn in die Latinität zu übertragen? Und hat mir doch der Heilige Vater solche Arbeit aufgegeben zum Heil der ganzen Christenheit, und ich habe noch viele Jahre zu arbeiten.

Solche Sorge in meinem Herzen bewegend, denke ich an euch, liebe Brüder im Lande, die ihr auch gleich wie ich die Stille liebet und nötig haben zu eurem Werk wie Gottes freie Luft zum Atmen. Welche Sorge suchet euch heim, ihr Klausner, Musikanten und Liedersänger, Denker und Weltweise, Poeten, Erfinder und Eremiten? Euer Herz sagt euch: teilet eure Hütte mit den Heimatlosen; die Pflicht eures Werkes gebietet euch aber, die Ruhe zu hüten und in der Stille Geist und Gedanken wachsen zu lassen.

Du hast es, noch gut, lieber Poet von Spitzwegs Gnaden, der du ohnehin schon in einer engen Dachkammer hausest und den Regen auf deinen aufgespannten Schirm trommeln lassest. Man wird dir keinen Zimmergenossen geben. Doch wie, wenn nach dem Wohnungsbau-Sofortprogramm die Nebenkammer hergerichtet wird und die Löcher deines Daches gestopft werden? Ade dann, goldene Muse, im Bette sitzend die Jamben und Trochäen herzuzählen! Dein Nachbar wird vielleicht ein fröhlicher Mann sein, der gern randaliert oder dich zu einem Schwatz heimsucht oder gern lärmt und poltert. Dann jammere mit deinem Vetter Schiller, den auch das Klatschen der Waschfrau aus seinen schönsten Heimlichkeiten mit der Gräfin Eboli gerissen hat. Und auch Sie, Herr Geheimrat Goethe, werden dem Amt Ihre Wohnungen ausgemessen vorweisen müssen und entweder Ihr liebes Gartenhäuschen oder den stattlichen Bau am. Frauenplan freigeben. Das Gebot der Menschlichkeit wird Ihnen sagen, daß es so recht ist. Nur werden Sie Ihren Tagesgang ändern müssen, und das ist nicht so leicht getan wie bei Nachbar Hinz, der seine Brezeln in diesem oder jenem Ofen backen kann.

Werden wir der Obrigkeit Ohr finden für die Bitte, unsere Stille zu hüten nicht nur, weil wir sie lieben wie Jungfer Lene ihre Kanarienvogel-Zucht, sondern weil ohne diese Stille unseres Geistes Werk stockt? Der Herr im Amt wird wahrscheinlich verweisen auf Meister Chodowiecki, der inmitten des häuslichen Treibens, zwischen Töpfen und Kannen, Hausmutter und Magd seine Bildtafeln stechen kann, oder gar auf Herrn Wieland, dem gut zwei Dutzend Kinderhände an den Rockschößen zerren können, ohne daß sie ihn in Oberons und Titanias Reich stören können. Glückliche Verächter der heimlichen Klause! Die meisten in unsrer Zunft können es nicht!