Damals, in den Hungerjahren 1945/46 – so wird später einmal in wirtschaftshistorischen Darstellungen zu lesen sein –, hatte sich ein merkwürdiges Versorgungssystem herausgebildet. Anstatt die Kartoffeln zum städtischen Verbraucher zu bringen, ließ man es zu, daß die Städter aufs Land fuhren, um in kleinen und kleinsten Mengen die Kartoffelreserven der Bauern hereinzuholen. Offiziell war es verboten – faktisch geschah es doch. Anstatt ganz Deutschland zu einem einheitlichen Versorgungsgebiet zu erklären, ließ man es zu, daß in wenigen Besatzungszonen die Versorgung normal war, daß in anderen ausgesprochener Mangel herrschte, und anderwärts wieder ein Überfluß, der die Verwendung von Kartoffeln für die Schnapsproduktion und für Reparationsausfuhren unbedenklich erscheinen ließ. Während das Schlagwort „Wirtschaftseinheit gemäß den Potsdamer Beschlüssen“ die öffentliche Diskussion beherrschte, ging die wirtschaftspolitische Differenzierung in den einzelnen Besatzungszonen immer weiter...

So, wie die Kartoffelversorgung im letzten Wirtschaftsjahr durchgeführt worden ist, kann es freilich kaum bleiben. Der Anschluß an die neue Ernte ist, bei Frühkartoffeln, nun tatsächlich erreicht, mit dem Ergebnis, daß jeder Städter, der genügend Zeit für Hamsterfahrten hatte (und der entschlossen war, sich der Mühe und des Risikos zu unterziehen), einigermaßen versorgt gewesen ist, während die sonstigen „Normalverbraucher“ sich praktisch ohne Kartoffeln durchhelfen mußten. Dafür waren die Bauern überlaufen, die Verkehrsmittel überfüllt, die Versorgungsmethoden im ganzen denkbar unwirtschaftlich; die staatliche Autorität, die das Hamsterunwesen mit unzulänglichen Mitteln bekämpfen wollte, nachdem sie nicht dafür hätte sorgen können, daß die Kartoffelreserven der Bauern auf ordnungsgemäßem Wege und in wirtschaftlich vertretbarer Form in die Städte gekommen sind, hat argen Schaden erlitten; die Polizei, zur Beschlagnahme von Hamstervorräten – sporadisch – eingesetzt, hat sich verhaßt gemacht, und ihre Beamten sind mit dem Odium belastet, willkürlich und eigennützig vorgegangen zu sein ... Zufrieden ist niemand; verbittert sind alle Beteiligten: Bauern und Städter, Hamsterfahrer und Daheimgebliebene, Staatsbürger und Staatsfunktionäre.

Nun also gibt es die ersten Frühkartoffeln der neuen Ernte – „aber nur dann, wenn das Hamsterunwesen restlos aufhört“, wie das Zentralamt für Ernährung und Landwirtschaft warnend mitteilt. An die Erzeuger und an die Verbraucher wird appelliert, daß sie die im Allgemeininteresse erlassenen Anordnungen einhalten und Disziplin wahren. Welche Chance für den Bauern, wenn seine reichlicheren Ablieferungen aus der neuen Ernte ihn davor bewahren, von Hamsterfahrern überlaufen zu sein –, welche Freude für Eisenbahn- und Polizeibeamte, wenn der unsinnige tägliche Mensdhenzustrom aufs Land und zur Stadt zurück endlich einmal nachläßt! Und welche Erleichterung für die Familien, die jetzt wieder Kartoffeln im Laden kaufen können, so daß die Fahrten aufs Dorf hinaus – wo es außer Kartoffeln ja doch nichts mehr zu hamstern gab und gibt – überflüssig werden! – G. K.