Ob es ein Irrtum ist, daß dieser englische Film einem deutschen Publikum (im „Waterloo“, Hamburg) gezeigt wurde? Viele Gäste gingen vorzeitig weg. Aber auch das war ein Irrtum. Man muß sich vorstellen, daß über Paul Lincke oder Walter Kollo ein Film gedreht würde. Die älteren Herrschaften, die das Berliner Leben vor 1914 gekannt haben, würden sehr animiert sein, heiter und gerührt zugleich. Und sie würden sich wundern, Wenn „Andersgläubige“, etwa Engländer, „mittendrin“ hinausgingen. Sie würden gar nicht verstehen können, daß so ein Musikfilm mit „lauter schönen alten Schlagern“ für langweilig erachtet würde. ‚Wie heißt noch die „Erkenntnis“? „Die neuen Schlagerkomponisten taugen gar nichts mehr. Da hättet ihr mal die alten hören sollen, den Linde, den Kollo. Da war noch Seele drin...“ Und wenn man nicht schnell das Gespräch auf ein anderes Thema bringt, dann fangen sie auch noch an zu singen: „Puppchen, du bist mein Augenstern“ oder „Untern Linden, untern Linden“ oder „Schenk mir doch ein kleines bißchen Liebe ...“

Nun seht: Das, was in Berlin Paul Lincke war, das war in London George Le Brunn, und wenn Engländer, die noch etwas vom Hauch des guten alten London gespürt haben, die Lieder „Oh, Mr. Porter“ oder „Liza Johnson“ hören, so werden sie ebenfalls gerührt. Und sie können nicht verstehen, daß die jungen Leute lieber das neue Schlagerlied von der „Sentimental Journey“ singen.

Übrigens, George Le Brunn, eine der Hauptfiguren des Films, ist ebenso lebendig gewesen wie Paul Lincke. Er hat einst Millionen lebenslustiger Engländer seine Melodien in den Mund gelegt. Es gibt da nur einen Unterschied: George starb in Armut, „Paule“ aber ist steinreich geworden. Und das Unrecht, das jenem geschah, nämlich die Tatsache, daß Schlagerkomponisten in England seinerzeit keinen hinreichenden Autoren- und Verleger-Schutz genossen, weshalb heimliche Verleger, nämlich die „Musikpiraten“, ungestraft die erfolgreichsten Songs drucken und auf den Markt werfen konnten – das ist das Thema des Films, in dem bis zum moralischen Ende, nämlich bis zu den Tantiemen, viel geküßt, geboxt, geprügelt, getanzt und gesungen wird. Da es sich also um einen Musikfilm (der „Gainsborough“-Produktion) handelt, laßt uns feststellen, daß die englischen Schlager der Jahrhundertwende allesamt kurztaktige, kurzatmige Melodien von gemächlichem Schlendrian waren und sich weder formal noch im Ausdruck von den berlinischen Gassenhauern unterschieden. Seltsam, wenn man bedenkt, daß dies die Zeit war, in der in wildem Tempo die Millionenstädte wuchsen! Dazu die musikalische Idylle der Schlager im Schlendriantempo – ein drolliger Kontrast! Ich persönlich mag die alten Schlager nicht – sie haben so etwas Patzig-Aufgeblähtes –, und wenn ich moderne Lieder wie „I’ll gather lilacs“ höre, meine ich, es stäke hundertmal mehr Melodie, Herz, Empfindung darin. Aber das ist eine persönliche Sache, und die stimmungsvolle Regie von Val Guest, die scharf charakterisierende Photographie von Phil Grindrod, das Spiel des schönen und wohlsingenden Stars Margaret Lockwood und der frischen Helden wie Vic Oliver, Michael Rennie und Peter Graves – all das kann irir nicht darüber hinweghelfen.

Die Wirkung dieser Musikart allgemein – in England so gut wie bei uns – beruht nun einmal hauptsächlich darauf, daß jeweils an den „Schlager der Saison“ die persönlichen Erinnerungen aufgehängt werden wie Hüte an einen Nagel. („Weißt du noch, als wir auf die Melodie Ich küsse Ihre Hand, Madame’ zum erstenmal tanzten?“ Wetten, daß man das Alter des so Sprechenden fast aufs Jahr berechnen kann?) Das ist der Grund, warum wir diesen Film zwar besuchen, aber nicht recht beurteilen können: weil die Erinnerungen fehlen.

Josef Marein

* Hollywood bereitet für die Wiener Nobelpreisträgerin und Wissenschaftlerin Dr. Lise Meitner, die sich auf dem Gebiet der Atomforschung große Verdienste erworben hat, einen großen Empfang vor. Sie wird Hollywood besuchen, um das Drehbuch für den Film vom Leben dieser zweiten Madame Curie selbst durchzusehen.