In Paris verhandelt eine Abordnung der indochinesischen Unabhängigkeitsbewegung Vieth Namh mit der französischen Regierung über die Neugestaltung Indochinas. Mehr steht dabei zur Erörterung als ein Vertrag des Mutterlandes mit einer Kolonie, mehr als die Beseitigung einer jahrelangen Trennung während des Krieges durch die japanische Besetzung. Frankreich sucht einen neuen Weg für sein Kolonialreich. Es hat sich bereit erklärt, Indochina die Unabhängigkeit zu geben. Aber mit diesem Wort allein sind die Probleme nicht umrissen. Frankreich will sein Kolonialreich nicht länger auf äußere Machtmittel aufteilen, sondern aus einer inneren Idee heraus neugestalten, wobei es insbesondere auf die starke Anziehungskraft vertraut, die von dem Ansehen und Gehalt der französischen Zivilisationsidee, von dem Scharm, dem Savoir vivre und der Einstellung des französischen Kolonalbeamten ausgehen soll. Syrien gilt den Franzosen als das Beispiel der äußeren Machtanwendung, die versagte Indochina soll das Gegenbeispiel werden.

Es bildet mit 25 Millionen Einwohnern wie Burma, Siam und Malakka einen Teil Hinterindiens, liegt, wie der Name erkennen läßt, zwischen Indien und China, tendiert aber mehr nach China. Es besteht politisch aus der Kolonie Cochinchina und den Schutzgebieten Kambodscha, Annam, Tonking und Laos. Frankreich faßte dort 1860 Fuß, schaltete zunächst das Kaiserreich Annam aus und bildete 1887 die Indochinesische Union, deren einzelne Teile unterschiedlich verwaltet werden, wobei das Kaiserreich Annam und das Königreich Kambodscha als Schutzgebiete die meisten Rechte behielten. Das vorwiegend von Annamiten bewohnte Annam ist mit das wichtigste Gebiet geblieben. Der Sitz der Union ist Hanoi. Wirtschaftlich ist Indochina dank einer gediegenen und systematischen Arbeit mit seiner Kautschukausfuhr von mehr als 60 000 t im Jahr, die den Bedarf Frankreichs decken, mit seiner Kohlenförderung von 2,5 Mill. t, seinen Vorkommen an Wolfram, Zink, Zinn; Phosphaten und Gold sowie mit seinen Ernten an Reis und Mais einer der reichsten und der wohl entwicklungsfähigste Teil des überseeischen Frankreich. Die Grundlage bildet noch immer die Landwirtschaft. Aber die Industrialisierung ist schon weit fortgeschritten. Der Aufstieg Indochinas ist vor allem das Werk der von Baudouin geleiteten Bank von Indochina, die sich ein solches Ansehen verschafft hat, daß sie im Fernen Osten und in USA French-Bank genannt wird.

Wegen dieses Reichtums ist Indochina aber auch gefährdet, insbesondere, weil es von Frankreich sehr entfernt liegt. So wurde das strategisch und verkehrstechnisch wichtige Land zwangsläufig in die asiatischen Auseinandersetzungen 1940/41 hineingezogen. Noch mehr als Japan während dieses Krieges an Indochina interessiert war, ist es vielleicht China, denn der Hafen Hanoi ist für Mittelchina der Weg zum Weltmarkt, wie es sich in der steigenden Bedeutung der Eisenbahn von Hanoi nach Yünnan zeigt. Die zeitweilige Anwesenheit von 13 chinesischen Divisionen in Tonking, die gewissermaßen die 4000 französischen Soldaten der Zitadelle von Hanoi in Schutzhaft hielten, und das Zögern im Rückholen dieser Truppen haben manchen Franzosen unruhiger gestimmt als die japanische Besatzung.

Sowohl bei den Chinesen wie bei den Japanern fand denn auch die indochinesische Unabhängigkeitsbewegung eine erhebliche Unterstützung, so daß sie nach Kriegsende in den beiden wichtigsten Städten Hanoi und Saigon wie auch in Cochinchina und Annam weitgehend herrschte, während in den andern Gebieten die Stimmung ruhiger war. Es kam zu erbitterten Kämpfen Frankreich hoffte, seine alte Stellung halten zu können, erkannte aber rechtzeitig, daß die Unabhängigkeitsbewegung mit China als Rückendeckung schon viel zu einflußreich geworden war, als daß die alte Politik hätte fortgesetzt werden können. Admiral d’Argenlieu leitete gegen Ende 1945 eine ständig liberaler werdende Politik ein, die Vieth-Namh-Regierung wurde anerkannt, es wurde die Zusage einer Entwicklung zur vollen Unabhängigkeit gegeben. Seitdem, wurden in der Unabhängigkeitsbewegung die radikalen Elemente immer mehr von den gemäßigten verdrängt Mit den einzelnen Staaten konnte verhandelt werden. Als erster Staat erhielt Kambodscha die Autonomie zugestanden in Form einer Regierung mit französischen Beratern und einem französischen Kommissar. Annam wurde eine eigene Regierung, Parlament, Armee und Finanz zugestanden und gilt seit Ende März als „ein freier Staat innerhalb des indochinesischen Staatenbundes und der französischen Union“. Cochinchina nahm die Kontrolle von Armee und Finanzen hin.

Einzelheiten sind noch offen, auch bestehen Meinungsverschiedenheiten der Staaten untereinander. So sind Bestrebungen am Werke, Cochinchina, Tonking und Annam zusammenzuschließen. Aber die großen Züge liegen fest: Indochina wird ein unabhängiger Staatenbund werden.

Bei den jetzt in Paris zu führenden Verhandlungen wird wohl auch die Idee der französischen Union, in die der indochinesische Staatenbund eingegliedert werden soll, ein konkreteres Gesicht erhalten. Frankreich will in der Neuordnung seiner überseeischen Besitzungen keineswegs das Beispiel Englands nachahmen, weshalb auch der Ausdruck Dominium unzutreffend wäre, sondern seinen eigenen Weg gehen, den der Assimilierung. Ausgangspunkt dieser typisch französischen Politik ist das Gesetz vom 11. Januar 1892 über die wirtschaftliche Assimilierung in Form des zollfreien Verkehrs zwischen Frankreich und seinen überseeischen Besitzungen. Viele Franzosen haben gezaudert und zaudern noch, den Schritt von der wirtschaftlichen Assimilierung zur politischen und kulturellen zu tun, bezweifeln, daß die Eingeborenen zu Trägern der französischen Zivilisationsidee gemacht werden könnten und weisen warnend darauf hin, daß in dem schon weitgehend assimilierten Nordalgerien aus dem Gemisch von Eingeborenen, Franzosen, Spaniern, Italienern usw. ein besonderer algerischer Typ entstanden sei, der sich immer mehr entfranzösisiere. Aber durchgesetzt haben sich, wie schon zeitweilig vor dem Kriege, die Anhänger der Assimilierung, zur Debatte stehen, nun nur noch Ausmaß und Tempo. Im Rahmen dieser Assimilierung wurden die älteren französischen Kolonien in Departements aufgeteilt, diese konnten jetzt, wie schon seit längerem die algerischen, zur französischen Nationalversammlung wählen, wobei das nordalgerische Ergebnis, allerdings die Stellung der Gegner wieder etwas gestärkt hat. Es würde also für Frankreich und seine überseeischen Besitzungen ein einheitliches Parlament geben mit gebietlichen Sonderparlamenten für die Regelung der lokalen Fragen der einzelnen Besitzungen. Die Selbstverwaltung der überseeischen Teile würde also ein anderes Gesicht haben als die der Dominien, sicherlich etwas begrenzter sein. Diese Frage der Einordnung des indochinesichen Staatenbundes in die französische Union wird wohl mit die interessanteste bei den Pariser Verhandlungen sein.

W. G.