Am 30. Juni 1934 liefen in Berlin wilde Gerüchte um. In Bayern sollte es zu einem Aufstand gegen Hitler gekommen sein, die SA hätte sich erhoben, der Stahlhelm sei entwaffnet worden. In diese dumpfe Atmosphäre der Furcht, des gegenseitigen Mißtrauens, der Unsicherheit und nervösen Spannung hinein knallten die Schüsse auf dem Kasernenhof der früheren Kadettenanstalt in Lichterfelde. Die Männer, die bis dahin als vorbildliche Leuchten des Nationalsozialismus gefeiert worden waren, denen eine feile Presse die höchsten Lobsprüche als Helden der Nation und charakterfeste Kämpfer für die deutsche Freiheit gespendet hatte, wurden an die Wand gestellt und erschossen wie tolle Hunde, ohne Urteil, ohne Verhandlung, ohne auch nur die Möglichkeit der Verteidigung zu erhalten. Damit allein erschöpfte der Schrecken sich jedoch noch nicht.

Rollkommandos waren durch die Stadt gezogen, in Büroräume und friedliche Wohnungen eingedrungen; blind hatten sie gemordet, wer ihnen dabei in die Hände fiel. Der Pressechef und andere Mitarbeiter des Vizekanzlers v. Papen waren ihnen ebenso zum Opfer gefallen wie General von Schleicher und seine Frau, aber darüber hinaus raunte man sich die Namen von zahllosen Personen zu, die auf der Straße ermordet worden seien. Männer wie Gregor Strasser, der frühere Freund, und v. Kahr und v. Lossow, die Gegenspieler Hitlers am 9. November 1923, waren in bestialischer Weise umgebracht worden.

Wir wollen alles andere, als den Männern, die am 30. Juni ihr Leben lassen mußten, ein Loblied singen. Es gab genügend unter ihnen, die den Tod verdient hatten, den sie im ersten Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft zahllosen Unschuldigen bereitet hatten. Ganz Berlin wußte, welche Orgien etwa der erschossene Gruppenführer Ernst gefeiert hatte, nur Hitler „wußte nichts“; daß er sein völliges Versagen noch einzugestehen wagte, ohne Sicherheiten dafür zu bieten, daß er nicht noch einmal einem gleichen „Irrtum“ anheimfiel, bewies nur, daß sein Regime bis in die Wurzel faul war.

Was sagten die verantwortlichen Männer? Es gab damals noch den greisen Reichspräsidenten von Hindenburg, aber er lag im Sterben, und seine Umgebung, die nur um ihre eigene künftige Stellung bangte, hielt von ihm alles fern, was der herrschenden Clique hätte gefährlich werden können. Es gab einen Reichstag, der durch die Wahl das Amt übernommen, Sprecher für Deutschland zu sein. Als ihm Hitler aus Unsicherheit und schlechtem Gewissen heraus einen „Rechenschaftsbericht“ gab, der sich in maßlosen Angriffen auf Monarchie, Bürgertum und Kirche erging, der die „Reaktion“ für alles verantwortlich zu machen suchte, da stimmten die feigen Vertreter, unter ihnen Prinzen, Industrielle, Bürger und Christen, einstimmig der unglaublichen Erklärung zu, daß ein Mann mit seinem Wort allein das Recht haben sollte, andere Menschen in den Tod zu schicken.

Die Koalition, die den 30. Januar 1933 herbeigeführt, die Verbindung der NSDAP mit den Rechtsparteien, bestand damals ihre Feuerprobe, aber im schlechten Sinne. Das Bürgertum, bis dahin noch Bundesgenosse, wenn auch widerstrebend und hemmend, wurde nun zum Spießgesellen eines einwandfreien Mörders. Die Feigheit der Vertreter des Bürgertums nahm diesem endgültig die Möglichkeit, sich der Entwicklung entgegenzustellen, die nun unaufhaltsam bergab ging, mochten auch Scheinerfolge diesen zwangsläufigen Weg den Augen der Ewigblinden mit Schleiern der Selbsttäuschung umhüllen. Der moralische Rückhalt des deutschen Volkes, sein Rechtsbewußtsein und damit der letzte Halt gegenüber einem durch keine Schranken gebändigten Wahnsinn wurden damals gebrochen.