Von F. W. Pick, London

Wie sieht es jenseits der Grenzen aus? Was denken die Menschen dort? Wohin streben sie? Der Blick von London schweift weit hinaus – über den Atlantischen Ozean von Kanada bis nach Argentinien, übers Mittelmeer, den Indischen Ozean, den pazifischen Raum, nach Moskau: und in der Fülle dieser Gefilde nimmt das deutsche Land nur ein kleines Eckchen ein. Wenn das eigene Leben für jeden einzelnen zu Recht auch noch so gewichtig ist, ein deutscher Leser sollte nicht in den Fehler verfallen, zu glauben, daß die „deutsche Frage“ nun die Welt ausmache und von England aus gesehen derart im Vordergrund allen Denkens stehe, daß sie ohne Bezug auf andere, für England ebenso wichtige oder wichtigere Dinge, behandelt werden könnte. Vieles, was auf den ersten Blick widersinnig erscheint, erklärt sich durch die Notwendigkeit der Rücksicht und Bezugnahme auf andere Fragen in andern Teilen der gleichen unteilbaren Welt!

Im Vordergrund steht hier nicht Deutschland, auch nicht Indien. Frage Nr. 1 ist der innere Neubau zunächst in Großbritannien selbst, dann innerhalb des Weltreiches der unabhängigen Dominien. Dem folgt, als eigentlich erste außenpolitische Frage, die Zusammenarbeit mit Rußland und den Vereinigten Staaten. Danach – nein, selbst danach taucht Deutschland noch immer nicht auf (es sei denn, daß es schon in dem obigen Fragenkomplex mitenthalten ist); danach steht die Zusammenarbeit mit den westeuropäischen Staaten auf der Tagesordnung. Und dann erst befinden wir uns im Bereich der Fragen Europas und damit auch der deutschen Probleme.

Die Zusammenarbeit der Dominien hat oei Kriegsausbruch die erste schwere Probe bestanden, seit im Jahre 1926 Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika unabhängige Staatsgebilde wurden. Die einzige Ausnahme stellte Irland, Eire, dar; es blieb dem Volkswillen gemäß neutral, selbst für den hierfür zu zahlenden Preis, nämlich der Erschwerung des irischen Zieles, eine Einigung der ganzen Insel zu erleben. Südafrika entschied sich durch Parlamentsmehrheit für den Eintritt in den Krieg, leistete in den Tagen der Gefährdung des östlichen Mittelmeeres entscheidende Hilfe und föchte schließlich gar außerhalb des eigenen Kontinents. Das traf auch auf Australien und Neuseeland von Anfang an zu. Die Australier zogen zwar ihre Truppen aus dem Mittelmeerraum zurück, als ihr eigener Kontinent von den Japanern mit Invasion bedroht wurde; jedoch bestand dafür in London: vollstes Verständnis. Kanada zudem half die Britischen Inseln vor einem deutschen Einfall zu schützen. Wie ihre Väter zuvor, kämpften Kanadier auf dem Boden Europas für die Befreiung der Alten Welt; es waren Freiwillige, die zum Kampf antraten, nicht etwa einberufene Männer.

Nach der gemeinsam errungenen Befreiung von der Gefahr haben sich die fünf Premierminister der Dominien im Mai und Juni dieses Jahres in London getroffen: sie haben keine neue Maschinerie für erfolgreiche weitere Zusammenarbeit eingerichtet, sondern sich mit losen Besprechungen begnügt. Im Militärisch-Wirtschaftlichen besprach man Zusammenarbeit im Atomzeitalter (notwendige Verteilung der Industrie auf die verschiedenen Länder unter Nutzbarmachung der hierzu besonders geeigneten riesigen Ländermassen etwa Australiens); im Politisch-Wirtschaftlichen einigte man sich auf eine Lösung, die eine britisch-amerikanische Zusammenarbeit ermöglichen soll, ohne daß dadurch dem zwischenstaatlichen Handel der Fünf Abbruch getan würde (was nur den Extremisten in der Oppositionspartei Englands und in den Isolationskreisen Amerikas wie die Quadratur des Kreises erscheint); im rein Politischen besprach man die zu schaffenden Friedensverträge: immer neue Versuche, so entschied man, müßten gemacht werden, Rußland zur Zusammenarbeit zu gewinnen; alle fünf britischen Staaten müßten entscheidend an der Voll-Friedenskonferenz der 21 teilnehmen. Bis zu deren Zusammentritt, auf den Ernest Bevin drängen soll, wird Großbritannien die andern vier mitzuvertreten suchen.

England und Amerika. Trotz allen Reibungen an der Oberfläche besteht an der Gleichmütigkeit dieser beiden kein Zweifel.

Es gab und gibt zwar Amerikaner, die glauben, ohne Anleihe an England und ohne einen erleichterten Warenaustausch ein „amerikanisches Jahrhundert“ einleiten und alle Wettbewerber an die Wand drücken zu können. Gewiß gab es und gibt es Engländer, die glauben, solche Abmachungen würden entweder die Bande des britischen Weltreiches lockern (so Beaverbrok) oder eine sozialistische Planwirtschaft daheim unmöglich machen (so Prof. Cole). All diese Kritik, die sich in den freien Ländern recht genau in ihrer Stärke und Schwäche durch offene Aussprache messen läßt, ist spurlos und wirkungslos verhallt.