Am 14. Juli 1789 stürmte die Bevölkerung von Paris die Bastille. Sie brach in die mittelalterche Festung der französischen Könige ein, sie rang in die Kerker und Verliese, in die ohne Urteil, ohne Möglichkeit der Verteidigung und vielfach auf Grund geheimer Anschuldigung die rieselten Geister der Nation geworfen worden waren, in denen ein Voltaire und ein Mirabeau eschmachtet hatten. Eine Welt stürzte zusammen, die Welt des Absolutismus, in der der einzelne nicht Staatsbürger, sondern Untertan war, willenloser Knecht des absoluten Monarchen; das bedeutungslose Rädchen eines Apparates, der von oben gelenkt wurde, nicht der geachtete Teil einer selbstbewußten Nation, die ihr Schicksal und dann auch ihre Regierungsform aus. eigenem Willen heraus gestaltete

Ein neuer Mensch trat hervor, der Mensch der Gegenwart der die Fesseln des Mittelalters und des Absolutismus hinter sich gelassen, der im Staat nicht länger ein allmächtiges übermenschliches Schicksal ein Fabelwesen sieht, dem er sich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich bedingungsos .beugen muß, sondern eine Form des Zusammenlebens frei wollender Menschen. Das ist die große Botschaft, die von der Französischen Revolution ausging, und so stark war die innerliche Kraft dieses Gedankens, daß die berufenen Vertreter des französischen Adels selbst freiwillig auf die Vorrechte der Geburt und des Standes verachteten Haben wir die große Botschaft verstanden? Haben wir ihr die Treue gehalten, allen Anfeindungen zum Trotz, oder sind wir schwach geworden; haben wir uns gebeugt oder uns beugen lassen?

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren die großen Ideale, die damals auf das Banner der Revolution geschrieben wurden. Die Menschen sind ihrer selten würdig gewesen. Die Französische Revolution selbst machte die scheinbar unvermeidliche Wandlung durch, über die Schreckensherrschaft zum Krieg, und zur Diktatur Napoleons, und im Schatten der Bajonette, des Korsen verdorrten die Freiheitsbäume die die siegreichen Truppen der Revolution in den Nachbarländern gepflanzt hatten. Als Napoleon besiegt war, wurde nicht die Herrschaft der Freiheit errichtet, sondern die alten Dynastien kehrten zurück, die nur den einen Eifer zeigten die Dinge zurückzuschrauben auf den Stand vor dem Sturm auf die Bastille. Aber die heilige Flamme, die einst in Paris emporgelodert war glühte im Herzen der Menschen weiter.

De Sturm auf die Bastille entsprang nicht einer einzigartigen Lage, er war. nicht das Ergebnis zufälliger Umstände, wenn sie auch den Gang der Ereignisse an jenem bedeutungsvollen Tage und in den folgenden Jahren vielfach mitbestimmt haben mögen Fast ein Jahrhundert zurück können wir das Erwachen des neuen Menschen verfolgen, das sich bei den großen französischen Denkern der Aufklärung und den deutschen Denkern und Dichtern im Erwachen eines neuen Lebensgefühls widerspiegelt. „In tyrannos“ schrieb der junge Schiller über sein Erstlingswerk, die „Räuber“, und dieses Wort könnten wir über die meisten großen Werke jener Zeit setzen. Lessing, Goethe, Beethoven sind die Bannerträger dieses Geistes der Freiheit. Aber es war kein Zufall, daß die politische Revolution gegen den Absolutismus in Frankreich ausbrach, daß Paris der Schauplatz des Sturmes auf die Zwingburg der Monarchie und der schrankenlosen Staatsgewalt wurde.

Jahrhundertelang haben die Pariser den geistigen Kampf gegen den Feudalgedanken, gegen die aristokratische Fronde gegen Aberglauben und Unbildung. für die freie Entfaltung des Geistes, für eine soziale und politische Entwicklung und für den neuen Gedanken der Nation geführt. Paris hat bereits im Mittelalter etwas gekannt, was wir sehr viel später als öffentliche Meinung zu bezeichnen lernten, und es hat diese Waffe wiederholt eingesetzt, von den Tagen des Prozesses gegen den Templerorden im 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Paris war zugleich der Herzschlag wie das Gewissen der Nation, und damit hat es diesen Begriff erst mit Leben erfüllt. Der Sturm auf die Bastille schuf zugleich den Nationalismus des 19 Jahrhunderts.

Die Völker lösten sich aus den Bindungen der Dynastien, die die Grenzen wie die Landmarken ihrer Landgüter verrückten, ohne die Bewohnet der ausgehandelten oder vertauschten Gebiete zu fragen, die über Zugehörigkeit oder Glaubensbekenntnis allein zu verfügen sich ein Recht anmaßten. Die Menschen erwachten nicht nur zum Bewußtsein ihrer Einzelperson, sondern auch ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer Besonderheiten innerhalb der Gemeinschaft aller Nationen. Napoleon mußte scheitern, weil er sich über die völlige Wandlung der politischen Voraussetzungen in Europa hinwegzusetzen wagte. Die Völker Spaniens, Rußlands und Deutschlands mehr als die Fürsten und deren Heere zerschlugen seine Weltmachtpläne. Im Kleinkrieg verlor er mehr Menschen, als in den großen Schlachten, die er den wohlgedrillten Heeren der Dynastien schlug. Seine Brüder und Verwandten, die er überall als Könige einzusetzen unternahm, schufen ihm durch ihre Stellung mehr Feinde, als sie auf Grund der angemaßten Kronen ihm an Unterstützung zu bringen vermöchten.

Seit dem Tage des Bastillesturms geht durch Europa der gleiche revolutionäre Schwung, der anderthalb Jahrzehnte vorher die nordamerikanischen Besitzungen der britischen Krone veranlaßte, die eigene Unabhängigkeit zu fordern. Es gibt seither nur das Bekenntnis für oder wider die Revolution, für oder wider die Freiheit des Einzelmenschen, für oder wider die Freiheit des Geiste Immer wieder versuchte der Staatsgedanke des Absolutismus durch eine Hintertür sich einzuschleichen, sich als leistungsfähige Organisation in Notzeiten, als bequeme Lösung in unruhigen Zeitläuften, als Ubergangslösung oder als unvermeidliche Endlösung eines unabänderlichen geschichtlichen Ablaufs materieller Entwicklungen hinzustellen.