Von Walter Schumann

Aufgepaßt! Der einundsechzigjährige Bauer aus Ostpreußen, der in der Kriegsendphase als Volkssturmmann eingesetzt war, breitet die Arme aus und fängt den acht Pfund schweren Medizinball, der ihm aus zehn Meter Entfernung zufliegt. Das schußverletzte rechte Handgelenk schmerzt. Der Versehrte beißt die Zähne zusammen. „Wie du mir, so ich dir!“ Er dreht sich um und wirft den Ball rücklings über den Kopf dem Partner zu.

Zwanzig Gelenkverletzte spielen in der Turnhalle des Hilfskrankenhauses Hamburg-Ohlstedt, üben sich im „Butterwiegen“ und „Fingerhakeln“, klammern sich an Leitersprossen und lassen die Beine baumeln. Dann stellen sie sich mit zwei Meter Abstand im Kreis auf und werfen sich in schnellem Tempo die Bälle zu. Dem großen, gewichtigen Medizinball folgt ein winziger, federleichter Zelluloidball, diesem ein Kindskopfgroßer Gummiball, ein Schlag-, ein Tennisball. Zwischendurch muß als widerspenstiges „enfant terrible“ ein armlangen Holzstab tanzen, der die greifenden Hände eigenwillig umfliegt und putzelbaumschießend in die Kniekehlen hüpft.

Man lacht Man johlt. Die Schwere des Unglücks und die Schwere der Zeit scheinen vergessen. Im Spiel werden die Schmerzen beiseite, geschoben. Und unmerklich werden Finger-, Hand-, Ellbogen- und Schultergelenke wieder biegsam und geschmeidig. Massagen, Bestrahlungen, und sonstige Wiederherstellungsbchandlungen tun, das übrige.

„Als ich im Oktober hierherkam, war die Hand unbeweglich“, sagt der ostpreußische Bauer Ohmke. „Heute kann ich schon graben und harken. Wenns so weitergeht, und wenn ich die Gelegenheit haben sollte, werde ich bald wieder Bauer spielen. Leider nicht auf dem eigenen Hof. Der liegt bei Tilsit.“

Der einundvierzigjährige Straßenbahnschaffner Hermann Stieler aus Leipzig hat im Januar 1945 bei Insterburg beide Füße verloren. Die Beine sind in den Unterschenkeln amputiert. „Ich werde wieder Straßenbahnschaffner. Unten in der Turnhalle tanzen Versehrte ohne Beine Tango und Boston. Sie fahren auch Rad und klettern über hohe Stehleitern. Das ist viel schwieriger als den Straßenbahnschaffner machen. Wenn ich bloß die Prothesen erst hätte! Seit neun Monaten warte ich darauf. Wenn ich Zigaretten hätte! Nichtraucher werden schneller bedient...“

Der sechsundzwanzigjährige Polizeiassistent Horst Thomas aus Breslau ist der Prototyp personifizierter Lebensbejahung.