Peter de Mendelssohn

Wie um alles in der Welt habt ihr es fertiggebracht, euch in eine so fürchterliche Schlamastik zu setzen?“, fragt Peter de Mendelssohn, als er nach zwölfjährigem Exil im Mai 1945 die ersten Vertreter Deutschlands wiedersieht: Kriegsgefangene unter amerikanischer Bewachung. „Viele von ihnen konnten meine Schulkameraden sein, und doch lag eine Welt zwischen uns. Zwölf Jahre können länger sein als ein Lebensalter.“ Diese Sätze stammen aus dem neuen Reisetagebuch Peter de Mendelssohns über die Eindrücke seiner Rückkehr nach Deutschland, „Journal of a German Journey“, das demnächst in London erscheint, gleichzeitig mit einem anderen Werk von ihm, „Nürnberger Dokumente, Phasen der deutschen Kriegspolitik 1937/45“.

Zwölf Jahre – fürwahr, sie können länger sein als ein Lebensalter. Zwölf Jahre war auch Peter de Mendelssohn aus dem Gesichtskreis seiner Freunde verschwunden, die er sich mit seinem ersten Roman, „Fertig mit Berlin?“ (Reclam, Leipzig 1930). geschaffen hatte. Es war der Roman eines jungen Menschen, für den das Tor zur Welt die Redaktion einer großen Berliner Tageszeitung bedeutete. „Wenn du zwischen Telephon und Telegraph den Atem der großen Städte hörst...“

Mendelssohn arbeitete damals als Journalist beim „Berliner Tageblatt“, dessen Feuilletonchef Fred Hildenbrand auch sein Chef war und mit Pate stand zu einer Gestalt dieses stark autobiographischen Romans: „Fertig mit Berlin?“

„Es wird versucht, zu schildern die Überwindung einer Jugend“, ist das Motto, das Mendelssohn an die Spitze dieses Buches setzt. Und weiter: „Nicht einmal Kindheit ist meine Jugend gewesen; eher ein Wirrwarr von zu früh und zu spät, aber warum daraus etwas Besonderes machen wollen? Nicht nur ich bin im Jahre 1907 geboren, nicht nur ich war elf Jahre alt, als die Revolution ausbrach, fünfzehn und sechzehn im fiebrigen Gewirr der Inflation, nicht nur meine Eltern waren es, denen der Krieg die Ehe zerriß nach fast zwanzigjähriger Dauer Tausend Eltern hatten solche Kinder, tausend Kinder solche Eltern.“

Der junge Journalist, der dieses Buch erzählt, scheitert damals an Berlin und seinem literarischen „Betrieb“ im Zeitungsviertel und „Rund um die Gedächtniskirche“. Aber Mendelssohn scheitert nicht Bereits ein Jahr später erscheint sein zweiter Roman. „Paris über mir“ (Reclam, Leipzig 1931), dessen Handlung in atemberaubender Spannung und geschickter Überblendung verschiedenste Lebensschicksale in der Stadt des Lichts abrollt, während das französische Volk seinen Nationalfeiertag begeht. Hochstapler und Politiker, Deutsche, Franzosen und Engländer – unvergeßlich die Gestalt eines englischen Journalisten – kluge Gespräche über die deutsch-französische Verständigung. die später durch Deutschland selbst so stark brüskiert wird.

Es kommt das Jahr 1932. Vorjahr des Nationalsozialismus. Viele warnten, Alfred Kerr sprach in der amerikanischen Kirche am Nollendorfplatz, auch Peter de Mendelssohn sah mit Besorgnis in die Zukunft und ging mit seinen schriftstellerischen Plänen in die Erinnerung.